Ab sofort im Handel

Dunkel

Tanz am Abgrund

 

 

Schweitzerhaus-Verlag

ISBN 978-3-939475-22-4

Verkaufspreis 16,50 Euro

 

 

 

Leseprobe

Es ist ein Samstag, der alles verändern sollte. Es ist wie jeden Samstag, die Familie sitzt gemeinsam am Tisch zum Mittagessen. Jennifer und Doro kümmern sich um Maren, die Buben albern mit Richard herum. 

„Ach Jennifer, an dich habe ich eine Bitte. Heute Abend feiern wir eine Party. Es kommen viele Gäste, wichtige Gäste. Ich möchte, dass du ein wenig für uns tanzt. Du machst das so gut, das wäre für unsere Gäste ein richtiges Highlight, dich tanzen zu sehen. Willst du das für uns machen? Willst du mir diesen Gefallen tun?“ 

Richard schaut Jennifer tief in die Augen. Doro platzt heraus: „Und ich, darf ich auch tanzen? Ich kann genauso gut tanzen wie Jennifer, ich will das auch machen.“ 

„Ein anderes Mal,  Doro. Die Bühne unten im Keller ist nicht groß genug für zwei Tänzerinnen, da tretet ihr euch nur gegenseitig auf die Füße. Das nächste Mal darfst du dann für uns tanzen, ich verspreche es dir. Aber heute möchte ich gerne, dass Jennifer für uns tanzt.“ 

„Immer Jennifer, immer wird sie mir vorgezogen. Meine Pickel sind doch fast weg, ach Richard, lass mich doch heute für euch tanzen.“ 

„Schluss, heute ist Jennifer dran. Du kümmerst dich um Maren. Ich will jetzt nichts mehr hören.“ 

Jennifer fühlt eine riesige Freude. Endlich darf sie auch mal zeigen, was sie kann. Und sie darf in diesen geheimnisvollen Keller. Am liebsten hätte sie Doro jetzt die Zunge heraus gestreckt. Ich bin ja auch viel hübscher als Doro, bin viel schlanker und zierlicher als sie, das Trikot sieht an mir auch viel besser aus. Kein Wunder, dass sie lieber mich wollen als Doro. Ihre Gedanken schlagen Purzelbäume. Ach herrje, ist das aufregend. Sie bringt keinen Bissen mehr hinunter, trinkt schnell ihren Kaffee und den Orangensaft. 

Svetlana schaltet sich ein: „Doro, du kannst mit Maren heute ein wenig spazieren gehen. Vielleicht auf den Abenteuer-Spielplatz. Sven und Torge können auch mit.  Und du, Jennifer, gehst jetzt unter die Dusche, wäschst dir die Haare und kommst dann zu mir ins Zimmer, wir müssen noch einiges vorbereiten.“  

Doro mault immer noch vor sich hin, holt aber dann gehorsam Maren aus ihrem Kinderstuhl, will mit ihr nach Oben, um sie fertig anzuziehen für den Spielplatz.

„Will auch tanzen, Papa. Maren will tanzen, genau wie Jennifer.“ Maren zappelt beim Hinausgehen auf Doros Arm. Richard lacht seine Tochter an, gibt ihr einen Kuss: „Da musst du aber noch tüchtig essen, bis du so tanzen kannst wie Jennifer. Doro kann ja schon mal ein wenig mit dir üben.“ 

Als die Kinder mit Doro das Haus verlassen haben, ist Jennifer fertig mit Duschen und geht zu Svetlana. Oft war sie noch nicht in diesem Zimmer. Wie immer schaut sie sich erst mal staunend um. Ein riesiges Bett mit einem großen Baldachin aus weißer Spitze nimmt die eine Ecke des Zimmers ein.

Viele Blumen, ein Schminktisch, auf dem nichts zu fehlen scheint. Viel Platz zwischen den einzelnen Möbelstücken für den Rollstuhl. Ein begehbarer Kleiderschrank, ein Bad mit einer riesigen Eckbadewanne. Ein kleiner Lift, der Svetlana das Einsteigen in die Wanne erleichtert. An der Seite eine Massageliege, bezogen mit einem dicken, flauschigen Handtuch. Täglich kommt ein Masseur und Krankengymnast, der auf dieser Liege mit Svetlana arbeitet, um ihre Muskeln und Gelenke länger beweglich zu halten. 

„So, mein Liebchen, jetzt zieh mal Deinen Bademantel aus, damit ich dich richtig ansehen kann.“ Etwas beschämt steht Jennifer nackt vor Svetlana. „ Du bist wirklich sehr zierlich, dein Busen klein und fest. Sehr gut. Lass mal sehen, wachsen dir schon überall die Haare? Nimm mal die Arme in die Höhe. Ja, so ist es gut. Na ja, ein paar sind schon da. Das werden wir alles abrasieren müssen. Auch da unten.“ Sie deutet mit dem Finger auf Jennifers Scham. Diese wird ganz rot im Gesicht, fängt an zu stottern: „aber warum denn rasieren. Es sind doch gar nicht so viele Haare. Jetzt habe ich endlich ein paar, jetzt willst du sie mir abrasieren?“ 

„Jennifer, wenn du tanzt, wirst du schwitzen. Der Schweiß sammelt sich überall in den Haaren, fängt bald an, unangenehm zu riechen. Du willst doch nicht auf der Bühne stehen und stinken?“ 

„Nein, nein, wenn du meinst, dann müssen wir sie eben abrasieren.“ 

„Ich bin auch ganz vorsichtig, du wirst sehen, es tut überhaupt nicht weh.“ 

Zuerst werden die Achselhaare rasiert. Jennifer muss lachen, es kitzelt ein wenig. Dann muss sie die Beine spreizen. Ganz vorsichtig schäumt Svetlana den Schambereich ein, rasiert vorsichtig die Haare von den Schamlippen.  

„Jetzt bist du glatt wie ein Baby-Popo.“ Svetlanas Stimme ist einen Ton dunkler geworden, ihr Atem geht etwas schneller, als ihre Hand über den Venushügel und die Scheide streicht. „Bist du eigentlich noch Jungfrau, Jennifer?“ 

„Ich, ähm, ja, ich denke schon, dass ich noch Jungfrau bin.“ 

„Hast Du schon mal mit einem Mann geschlafen?“ 

„Nein, nicht richtig, nur so ein wenig rumgespielt.“ 

„Jennifer, darf ich mal nachschauen?“ 

Jennifer ist entsetzt, als Svetlanas Finger sanft in ihre Scheide eindringt. Vorsichtig bewegt sie ihren Finger hin und her. Jennifer wird heiß und kalt, ein bekanntes und gleichzeitig fremdes Gefühl durchströmt ihren Unterleib. Es ist nicht unangenehm, ganz und gar nicht. Überhaupt nicht.  

„Entspann dich, bleib ganz ruhig liegen, ich will dir nicht wehtun.“ Svetlana atmet heftig, zieht schließlich ihren Finger heraus, wischt ihn am Handtuch ab. 

„Alles ok, du bist noch Jungfrau.“ 

„Ist das so wichtig? Beim Tanzen?“ 

„Ja, Schäfchen, das ist sehr wichtig. Du wirst schon sehen. Und sprich mit niemandem darüber, was wir eben gemacht haben, auch nicht zu Doro, versprichst du mir das? Jetzt geh auf dein Zimmer und schlaf noch ein wenig, der Abend wird lang, du wirst alle Kräfte brauchen. So gegen sieben kommst du wieder zu mir, dann helfe ich dir beim Anziehen.“ 

Der Nachmittag ist endlos lange. Jennifer schläft eine Weile, hört Musik an, lackiert sich noch die Nägel, zupft an ihren Locken herum, ist überaus nervös.

Als Doro mit den Kindern vom Spielplatz kommt, Maren gebadet ist, wird Jennifer ruhiger. Wenn nur Doro aufhören würde zu maulen. 

„Immer bist du die Erste, niemals komme ich irgendwo als Erste dran. Immer du, immer du. So langsam habe ich es satt. Nächste Woche will ich tanzen, ich habe Richard sagen hören, es finden jetzt jeden Samstag Partys statt. Ich tanze doch genauso gut wie du, nicht wahr Jennifer, das ist doch so, oder?“ 

Doro lässt sich kaum beruhigen. Erst als Jennifer ihr mindestens zehnmal bestätigt, dass sie eine Super-Tänzerin ist, kann sie sich so langsam beruhigen. 

„Aber du erzählst mir morgen ganz genau, wie es war, Ich will alles wissen, jede klitzekleine Kleinigkeit. Schau dich genau um, schau, was das für Gäste sind, was sie essen und trinken, was sie anhaben und was sie sagen. Was für Musik gespielt wird, wie lange sie bleiben, einfach alles. Und pass auf, meinst du, die nehmen was? Habe schon oft gehört, dass auf diesen Partys gekokst wird. Geraucht wird bestimmt was. Ach, ich würde so gerne mit dir tauschen. Ich glaube, ich kann die ganze Nacht nicht schlafen.“ 

Jennifer weiß nicht was sie antworten soll. Vor dem Tanzen hat sie keine Angst, aber ganz tief drinnen weiß sie auch, dass nach dem Tanzen noch etwas Anderes auf sie wartet. Etwas Schönes, etwas Schreckliches, etwas Unbekanntes, etwas, was Spannung in ihr erzeugt, aber auch Angst macht.  

Die Zeit schleicht quälend langsam, aber endlich ist es 19 Uhr. Doro bringt Maren zu Bett, Jennifer macht sich auf den Weg zu Svetlana. 

Diese hat ein Bad für Jennifer gerichtet. Kerzen brennen im ganzen Badezimmer, leise Musik kommt aus den Lautsprechern über der Tür. Als Jennifer genüsslich im Wasser liegt, kommt Svetlana mit einem Glas Orangensaft. „Ich habe dir einen Spritzer Sekt dazu geschüttet, das macht dich ein wenig lockerer. Sekt ist ja kein richtiger Alkohol, da kannst du schon ein wenig davon trinken.“ Jennifer fühlt sich schrecklich erwachsen, als sie das Glas mit einem Zug hinunter stürzt. Der Orangensaft ist bitter, aber das Prickeln vom Sekt sehr angenehm. Ist es das Bad oder der Sekt? Jennifer fühlt sich leicht, alles erscheint ihr wunderschön und perfekt. Sie trocknet sich mit einem dicken Handtuch ab, cremt sich am ganzen Körper mit einer duftenden Lotion ein, die ihr Svetlana bereitgestellt hat und zieht das dünne, rosafarbene Trikot an. Ohne Unterwäsche, das wollte Svetlana so.  

Das Trikot ist neu, Jennifer hat es noch nie getragen. Aber es scheint zu klein zu sein. Sie stellt sich vor den großen Spiegel. Fast durchsichtig ist das Trikot, man kann die flach gedrückten Brustwarzen deutlich sehen. Die kleine Rundung des Busens zeichnet sich plastisch ab. Sie dreht sich etwas, um ihren Rücken zu sehen. Die Pobacken sind nur halb bedeckt, das Trikot ist so eng, dass man im Schritt deutlich die Spalte der Scham erkennen kann.    

Jennifer ist verwirrt. Die anderen Trikots haben viel besser gepasst. Sie ist versucht, dieses enge Ding auszuziehen, als Svetlana ins Badezimmer kommt. 

„Perfekt, das ist perfekt, du siehst tatsächlich aus wie eine kleine Lolita, die Gäste werden begeistert sein.“ 

„Aber es ist zu eng, es zwickt mich da unten und der Busen ist ganz eingedrückt.“ 

„Das soll ja auch so sein, du sollst nicht aussehen wie ein Vamp, sondern wie ein unschuldiges, kleines Mädchen. Beruhige dich, es ist alles prima.“ 

Jennifer zweifelt noch, aber Svetlana wird es schon wissen. Jetzt wird sie noch geschminkt, ganz wenig nur, die dunklen Augen wirken riesengroß in dem kleinen, blassen Gesicht. Die Lippen nur mit einem Hauch Gloss, Jennifer sieht wunderschön aus. 

Svetlana geht mit Jennifer nach unten in den Keller. In einem kleinen Raum hinter der Bühne zupft Svetlana noch ein wenig an Jennifer herum und gibt ihr die letzten Instruktionen: „Egal, was passiert, sei freundlich zu den Gästen, lächle sie an, lass sie dich berühren, wenn sie das wollen. Manche werden dir einen Geldschein ins Trikot schieben. Das Geld kannst Du behalten. Immer lächeln, immer lächeln. Mach sie verrückt, zeig ihnen, was du drauf hast. Bewege dich wie eine Katze, das kannst du so gut. Du wirst sehen, sie werden nicht genug von dir bekommen. Es wird dir großen Spaß machen. Hier, nimm noch diese Tablette. Es ist nur ein leichtes Beruhigungsmittel, das schadet dir nicht. Brav, so ist es recht, runter damit. Willst du noch ein Glas Sekt?“  

Jennifer fühlt sich wie in einer anderen Welt, als sie zum schweren Bass der Musik die Bühne betritt. Sie bewegt sich fast von alleine, tanzt mit einem unbekannten Partner, dreht sich geschmeidig, windet sich wie eine Schlange, hat sich vollständig gehäutet. In ihrem Kopf tobt die Musik wie ein dumpfer Trommelschlag, der sie unaufhörlich in eine Art Trance treibt. Sie sieht nicht die gierigen Blicke der Männer, die im Publikum sitzen, das Pfeifen, das Stöhnen, das aus diesen aufgerissenen Mündern kommt. Feuchtnasse Hände streichen über ihre Schenkel, sie bemerkt es nicht, Fast zehn Minuten dauert ihr Tanz, erschöpft sinkt sie mit dem letzten Ton der Musik zu Boden, fühlt, wie Hände an ihr entlang gleiten. Zarte Flötentöne führen sie in einen tiefen Schlaf. 

*****

Jenny tanzt. Tanzt mit sich selbst, tanzt zu einer Musik, die nur sie selbst hören kann. Töne, die wie Perlen aus einer silbernen Flöte purzeln, bringen sie zum Lachen. Silberne Flöten, wohin sie auch sieht. Dunkelheit liegt schwer im Raum, nur erhellt von den silbernen Perlen, die wie Sternschnuppen aus den Flöten blitzen. Sie dreht Pirouetten, verbeugt sich rechts und links vor einem unsichtbaren Publikum, lacht glockenhell, wirbelt über blankes Parkett. 

Lange fahren sie über dunkle Landstraßen, durch tote, verschlafene Ortschaften. Niemand ist auf den Straßen, keine lebende Seele ist zu sehen, kein Vogel, kein Hund, keine Katze. Alles öde und verlassen. Thomas schaut auf die Rückbank, auf der Jennifer immer noch tief und fest schläft. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Sturzbäche entleeren sich aus einem schwarzen Himmel, kein Mond und keine Sterne, nicht das geringste Licht. Er bleibt stehen, schaltet die Warnblinkanlage ein, steigt aus dem Auto aus. Totenstille, nur das Rauschen des Regens, das Aufschlagen der dicken Tropfen auf der nassen Straße. Er lauscht, vermeint ein zweites Auto zu hören, weit entfernt. Weiter, er muss weiter, Elisabetha ist ihm dicht auf den Fersen.

Schnell steigt er ins Auto, fährt langsam durch den grauen Vorhang des kalten Regens, kaum gebändigt durch die schnell laufenden Scheibenwischer. Da, die Abzweigung, fast zugewachsen von niederem Gestrüpp. Er reißt das Lenkrad herum, fährt holpernd auf den schmalen Feldweg. Nach ungefähr 150 Metern erreicht er einen Wald, der Weg führt steil nach Oben. Fast geschafft. Ob der Wagen diese Strapaze aushält? Benzin ist auch fast keines mehr im Tank, die Reservelampe blinkt schon seit einiger Zeit. Dann endlich, die Lichtung, das kleine Häuschen, das er vor einiger Zeit erworben hat. Niemand weiß von diesem Haus, er wusste, irgendwann hilft ihm nur noch ein gutes Versteck.  

Er fährt den Wagen in einen Schuppen, sucht den Schlüssel im Handschuhfach.

Ein prüfender Blick auf Jennifer, die immer noch fast ohnmächtig schläft.

Er steigt aus dem Wagen, geht zum Haus, öffnet die Tür, geht dann zurück, um Jennifer zu holen. Er nimmt den kleinen, zierlichen Körper seiner Tochter auf den Arm, trägt sie ins Haus, in ein kleines Schlafzimmer im ersten Stock. 

Erst nachdem er Jennifer auf dem Bett abgelegt hat, kann er wieder ruhig atmen. Niemand wird ihn hier finden, hier sind sie in Sicherheit. Aus seinem Mantel nimmt er ein hölzernes Kreuz, küsst es, hängt es über Jennifers Bett.

Er kniet sich hin, spricht lange mit seinem Herrn, bittet um Gnade für ihre Seelen, bittet um Hilfe für seine unschuldige Tochter und sich selbst, 

Jennifer murmelt leise vor sich hin, dreht sich auf die Seite, die Beine fest angezogen und schläft weiter.    

***** 

Jennifer erwacht mit einem Ruck. Warum kann sie sich nicht bewegen? Warum tut ihr der Kopf so weh? Was ist das für ein Zimmer? Diffuse, rote Deckenbeleuchtung lässt alles im Zimmer rosa erscheinen. Als sich ihre Augen an das schummerige Licht gewöhnt haben, kann sie erkennen, dass sie auf einem großen Bett liegt. Kein Fenster ist in diesem Zimmer. Ihre Arme schmerzen, aber sie kann sie nicht bewegen. Voll Entsetzen bemerkt sie, dass ihre Hände an das Gitter an der Kopfseite des Bettes gefesselt sind. Sie ist nackt, sie friert, das Grauen  nimmt ihr den Atem. Sie will schreien, aber aus ihrem Mund kommt nur ein leises Krächzen. Was ist denn passiert? Sie weint verzweifelt vor sich hin. Endlich gehorcht ihr ihre Stimme wieder. Sie ruft laut nach Richard, nach Svetlana, nach Doro, aber keiner scheint sie zu hören.  

 

 

 

Ab sofort im Handel

Freitag, der 13.

Kurzgeschichten verschiedener Autoren

 


 

Schweitzerhaus-Verlag

ISBN 978-3-939475-06-4

Verkaufspreis 14,95 Euro

 

Freitag, der 13te

Begleiten Sie Herrn Neumann auf seinem Weg durch den Schnee und seinem Traum von einer Lok, der Baureihe 03, träumen Sie mit einem Tagträumer einen erotischen Traum, verbarrikadieren Sie sich mit einen ängstlichen Zeitgenossen in einem Keller, spuken Sie auf einem Friedhof, erleben Sie die Geburt eines Kindes, arbeiten Sie für drei, lernen Sie einen Vater kennen, der sein ganzes Leben Angst vor Freitag, dem 13., hatte und wie er sie überwindet. Beobachten Sie einen Blumendieb und erleben Sie, wie ein Stinktier dazu beiträgt, ein paar dreiste Diebe zu fassen. Diese und andere Geschichten begleiten Sie, wenn Sie sich auf einen Spaziergang durch Freitag, den 13ten einlassen.
Alexandria Bock, Andrea Redmann, Birgit Herbst, Chris Cerredwin Keya, Cornelia Pforr, Elly Lindt, Jürgen Kraußlach, Hannelinde Hans, Kerstin Surra, Klaus D. Bornemann, Kornelia Frenzel, Melanie Müller, Patrizia Bornemann, Raoul Yannik, Robert Heinzel, RosMarin, Ryan Elbwood, Susi Hahn und Suzan Batty erzählen ihre ganz persönliche Geschichte.
Schmunzeln, weinen und lachen Sie oder gruseln Sie sich mit uns.

 

Leseprobe

Der Liebesträumer

Von RosMarin

 

 

Wie immer, wenn ich zu Linda komme, sehe ich sie vor ihrem Computer sitzen. Und wie immer überkommt es mich. Dieses unsägliche Lustgefühl. Dieses Verlangen, das nicht zu bändigen ist. Ich spüre, wie sich mein so genanntes bestes Stück erhebt, ein Zittern durch meinen Körper fährt, mein Mund trocken wird, meine Stimme versagt. 

Leise trete ich von hinten an Linda heran. Nein! Heute kann ich keine Rücksicht auf ihre Arbeit nehmen. Heute muss ich sie fühlen, berühren, riechen, schmecken. Ich muss! Heute ist die Gelegenheit, die nicht so schnell wieder kommen wird. Denn es ist Freitag, der Dreizehnte. Der Volksmund sagt, dass man an diesem Tage Pech hat. Na, ich plädiere eher für Glück. Doch ich weiß, das Glück fällt nicht einfach so vom Himmel. Man(n), in diesem Falle ich, muss schon etwas dafür tun. Ja, das Glück will herausgefordert werden, Und zwar richtig. Es schenkt nicht dem seine Gunst, der nur davon träumt. Also, packe ich es an. Frisch gewagt ist halb gewonnen. Ist so ein Sprichwort. Aber es hat was. Wie fast alle Sprichwörter. Hinter den banalen Worten verbirgt sich oft eine große Weisheit. Aber nun genug des Philosophierens.  

Linda hat ihr süßes rosa Kleid an. Das mit den bunten Blumen und den Spaghettiträgern. Ich weiß, dass sie darunter nur einen winzigen geilen Slip trägt. Nichts sonst. Ihre wundervollen Brüste schwingen frei unter dem dünnen Stoff. Ich ahne, wie sich ihre Kirschen abzeichnen. Nein,. Es ist vorbei mit meiner jahrelangen Beherrschung. Ich kann und ich will nicht mehr nur ihr Freund sein. Der Mann für alle Fälle. Nur nicht für den einen. Nein. Mit beiden Händen umfasse ich zielsicher die wogenden Wonnen. Drücke sie fest. Diese Euter der Lust. Diese wundervollen Paradiesäpfel. 

Lindas kleiner Aufschrei beeindruckt mich nicht im Geringsten. Ich deute ihn als Lustschrei. Na, mehr so als Lustseufzer. Ich bin geil, beiße in Lindas Ohrläppchen, lecke die Muschel, flüstere heiser: Oh, Linda, du machst mich so geil. Ich will dich“, während ich voll Inbrunst ihre herrlichen Titten knete. Ich kann sie kaum bändigen mit meinen Händen, muss sie richtig fühlen, der Stoff stört. 

Mit einem Skalpell, das ich immer in einem Köfferchen bei mir trage, man kann ja nie wissen, durchtrenne ich schnell die dünnen Träger. Meine Hände zittern vor Lust und Gier. Versehentlich ritze ich dabei die Haut an ihrer linken Schulter………..

 

 Und noch eine Leseprobe 

Viola und Freitag, der Dreizehnte

Oder wie werde ich als Heiliger erfolgreich 

Von Raoul Yannik

 

 

Es war an einem dieser Freitage, an denen einen ohne erkennbaren Grund ein spirituelles Gefühl befällt. Das kommt manchmal vor, wenn man spürt, dass die Karawane des Lebens weiter zieht. Ich war deprimiert, mein bester Kumpel hatte sich eine Corvette gekauft und ich war auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Es war der Kampf zwischen Überlegung, Wille und Tun. Sollte ich aufstehen, mich meiner mentalen Krise hingeben oder das dräuende Gefühl zulassen, dass das noch nicht alles im Leben gewesen sein kann. Gegen solche Gedanken gibt es nur ein Mittel: Raus aus dem Alltagstrott und mein Bewusstsein erweitern. Nur ich allein besitze die Freiheit, Neues zu beginnen. Ich spüre das drängende Bedürfnis, mich, die Menschheit und die Welt zu verändern. Außerdem war mein Konto leer, ich fühlte mich einsam und ich hatte Langeweile.

Viola, meine beste Freundin, war wieder einmal nicht erreichbar. Da fiel mir ein, dass es vielleicht angebracht wäre, Gesellschaft zu suchen und ich dachte spontan an meinen Friseur, den Künstler der Schere, den Meister der Farbe und der seichtgeistigen Inspiration. Aber wie es mit Künstlern so ist, entweder sind sie schwul, überbeschäftigt, zicken rum oder wollen sich bitten lassen. Mir sollte es nicht anders gehen, obwohl ich seit einigen Jahren den Status des treuen Stammkunden innehatte. Nach telefonisch-rhetorischen Überredungskunststücken meinerseits und dem Hinweis, dass bei Verweigerung der ernste Notfall des Wechsels zur Konkurrenz eintreten würde, war er ausnahmsweise bereit, mir einen kurzfristigen Termin zuzuweisen. Da saß ich also, an einem heißen Freitagvormittag, zwölf Minuten vor 11 Uhr, und ich spürte, dass ein schlechtes Karma durch die heiligen Hallen meines sensiblen Friseurs schwebte. Er war entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten schweigsam, fast traurig. Seine Hände zitterten, er hatte bereits ein kleines Fläschchen Veuve Cliquot verputzt und ich fürchtete um meine Ohren und meine Attraktivität. Meine besorgte Frage, was denn los wäre, wurde mit einem unüberhörbaren Seufzer und einem schlürfenden Schlückchen Veuve beantwortet. Dann platzte es fast schluchzend aus ihm heraus: Es ist Freitag, der Dreizehnte. Die Welt geht heute unter.“…………   

 

 

 


 

 

 

Stimmenreigen

von Chris Cerredwin Keya

voraussichtlich Mitte 2008

 

Leseprobe

 

Eben habe ich noch ein Buch gelesen. Ich bin auf Seite 111. Da spüre ich ein großes, ausgezacktes Loch. Wo? Ich kann nicht sagen, ob es um mich herum ist, in mir drin oder ob ich selbst das Loch bin. Es klingt, wie wenn Jemand Papier oder einen Stoff-Fetzen herausreißt. Es tut furchtbar weh. Das Loch ist schwarz und ein Teil von mir weiß, sein Name ist Einsamkeit.

Sabrina 

Die nächsten vier Jahre verbrachte ich in einer psychiatrischen Klinik Fast bin ich versucht zu sagen, dass dies die bisher schönsten Jahre meines Lebens waren. Nicht gleich. Die Zeit der Eingewöhnung war schwer. Ich war es nicht gewohnt, dass ständig Menschen um mich herum waren. Es machte mir Angst. Wo ich auch hinging, Patienten, Ärzte, Schwestern. Menschen wie Ameisen.  Menschenreihen, die auf ihren Termin beim Arzt warteten, Menschenreihen auf dem Weg zum Essen, Menschenreihen in ihren Bettenreihen in den Zimmerreihen. Menschenreihen, die ohne jegliche Intimsphäre auf Kloreihen saßen. Überall Menschen, Menschen, Menschen. Ich sehnte mich nach der Ruhe und Stille in meinem Schrank. Ich sehnte mich nach Gott, der dort bestimmt auf mich wartete. Ich sehnte mich nach mir. Wir lebten auf so engem Raum zusammen, dass ich manchmal dachte, irgendwann sind wir alle zu einer einzigen Person zusammengewachsen. Ein einziger Fleischkloß mit vielen Armen, Beinen und Köpfen, auf ewig aneinander geschweißt.    

Die Klinik war nicht allzu weit von meinem bisherigen Zuhause entfernt. Im ersten Jahr meines Aufenthaltes kam meine Mutter monatlich einmal zu Besuch, dann kam sie nur noch zu Ostern, Weihnachten und zu meinem Geburtstag. Im vierten Jahr kam sie dann gar nicht mehr. Sie hätte soviel zu tun in ihrem neuen Haus und ich würde auch bald ein Geschwisterchen bekommen. Ja, tatsächlich, sie hatte Herrn Friedrich geheiratet, den aus dem Konsum. Zusammen bauten sie ein kleines Haus. Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Bad. Oben unter der Dachschräge das Schlafzimmer von Mama und Herrn Friedrich und das Zimmer meiner kleinen Schwester. Ich lernte Brigitte erst kennen, als ich aus der Klinik entlassen wurde. 

Herr Friedrich hatte wohl Angst, sie könnte sich bei mir anstecken. Sie sei blond und hätte blaue Augen, genau wie der Papa. Sie sei eine wirkliche kleine Schönheit, nicht so ein kleiner, dicker Teufel mit dunklen und ungebändigten Locken, die weder Kamm noch Bürste gehorchen wollten.  

Sprechen konnte ich immer noch nicht. Manchmal rollte ein O durch meinen Mund, kullerte von einer Seite auf die andere, schlüpfte unter die Zunge und weg war es. Manchmal war mein Magen voll mit verschluckten O`s. Dann  rollten sie wie kleine, runde Steine durch meinen Magen und meinen Darm und polterten irgendwann in die Toilette.  

Jetzt waren meine Hände mein Mund, was ich nicht aussprechen konnte, schrieb ich auf. Hatte immer einen kleinen Spiralblock und einen Stift um den Hals hängen.  

Die Klinik stand auf einem riesigen, etwas hügeligem Gelände. Jedes Gebäude bildete eine fest geschlossene Einheit mit Patientenzimmern, Arzt- und Sanitärräumen, Küche und Speisesaal. Morgens nach dem Frühstück gingen wir im Ameisengang durch das Schwesternzimmer, nahmen unsere Tabletten entgegen und dann? Nichts. Viele Tage gefüllt mit Nichts, die Monotonie nur unterbrochen von den Essenszeiten. Dienstag und Donnerstag war Sport in der Turnhalle, die anderen Tage flogen dahin, ohne dass ein Einziger die Möglichkeit einer Erinnerung bot.  

Die ersten Wochen hatte ich fast nur geschlafen, nur einmal die Woche musste ich zum Arzt. 

"Wie geht es dir?“ 

Ich beobachtete die Spinne, die am Fensterrahmen ihr Netz spann. 

"Nimmst du deine Tabletten?“ 

Wie machte die Spinne das nur? So ein kleiner Silberfaden. Kam der aus ihrem Popo? 

"Hast du Träume? Hörst du noch die Stimmen?“ 

Das Netz war fast fertig. 

"Erzähle mir doch von den Stimmen.“ 

Ob ich auch so einen Silberfaden aus mir heraus drücken könnte?  

"Na gut, dann bis Mittwoch. Der nächste Patient bitte. “  

Kein Silberfaden, aber Speichel lief mir übers Kinn. Ich hatte es nicht bemerkt, aber eine Krankenschwester wusch ihn hastig mit einem feuchten Lappen weg, nahm mich an der Hand und brachte mich wortlos auf mein Zimmer. Warum denken die Menschen, dass man nichts hören kann, wenn man nicht spricht? Warum spüren sie nicht, dass man hungrig ist nach Worten? Nach gesprochenen Worten? 

"Warum erzählst du ihm nicht von uns? Schämst du dich etwa?“ 

"Wir sind ihr nicht mehr gut genug, sie hat jetzt andere Freunde.“ 

"Wir sind immer noch da.“ 

"Wir passen auf dich auf, wir lieben dich.“ 

"Aber sie liebt euch nicht, lasst sie doch in Ruhe.“ 

"Will sie das, will sie Ruhe?“ 

"Sie sabbert, igitt.“ 

"Sie ist halt verrückt.“ 

"Nein, ist sie nicht, sie ist krank.“ 

Das Netz der Spinne ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wo hatte ich ein anderes Netz gesehen? Groß, mächtig, aus dicken Seilen? Tagelang habe ich nachgedacht, dann fiel es mir wieder ein. Natürlich, das Netz im Auge des Treppenaufganges. Der Treppenaufgang im neu gebauten Trakt der Klinik. Dort, wo die medizinischen Geräte stehen und die Verwaltung untergebracht ist. Das Gebäude, das die meisten von uns fürchteten wie den Tod und das doch manche von uns magisch anzog. Die Magie der Freiheit, die Magie des Todes faszinierte viele von uns. 

Eine runde Treppe, die sich wie ein Wurm durch die fünf Stockwerke nach Oben schlängelte. 

Die Spinne fing in ihrem feinen Netz ihre Nahrung. Das machte Sinn. Das grobe Netz im Treppenhaus fing die Menschen. Menschen, die einfach nur noch sterben wollten. Früher, als es dieses Netz noch nicht gab, da hieß diese Treppe die Spirale in den Himmel. Warum in den Himmel? Wenn sie sich doch in die Tiefe stürzten? War der Weg in den Himmel eigentlich ein Weg nach Unten? In die ewige Finsternis? Ist Oben Unten? Und Unten Oben? 

Das Netz sei ein Symbol dafür, dass auch kranke Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen aufgefangen würden. Dass niemals Jemand wirklich alleine sei, dass es immer Menschen gäbe, die sich kümmern und sorgen. Dies war die Erklärung des Künstlers. Dies stand zumindest auf einer kleinen Metalltafel im Erdgeschoss. Hat es jemals Einer geglaubt? 

Der runde Neubau war gefürchtet. Dort wurde therapiert. Was man damals so unter Therapie verstand. Elektroschocks. Kalte Wannenbäder. Zwangsjacken, wenn gar nichts mehr half. Psychotherapie im heutigen Sinne gab es noch nicht, die ersten Versuche junger Therapeuten, systemisch zu arbeiten wurden von den Ärzten als Humbug und Zeitverschwendung abgetan. Warum auch soviel Zeit und Energie in die Verrückten stecken? Denen ist doch ohnehin nicht mehr zu helfen.

So dachte man damals und so wurde aus manchem Patienten ein Opfer der Medizin, wurde aus dem Verkehr gezogen und sicher aufbewahrt. 

Die Zimmer hatten jeweils acht Betten. Stockbetten. Zwei auf der rechten Seite des Zimmers, zwei auf der linken Seite. Aus weiß gestrichenem Metall. Neben den Betten jeweils zwei Schränke. Ebenfalls aus Metall. In der Mitte des Zimmers ein Tisch mit acht Stühlen. Ein vergittertes Fenster ohne Gardinen. Obwohl vergittert, ließ sich das Fenster nicht öffnen. Die Lüftung in der Decke schaffte es nie, die Ausdünstungen und Gerüche von uns acht Bewohnern gegen Frischluft auszutauschen. Es stank, besonders nachts. Aber auch daran konnte man sich gewöhnen.   

Die Betten waren nummeriert. Meines hatte die Nummer Acht. Es war das obere Bett auf der rechten Seite gleich neben der Tür. Die oberen Betten hatten den Vorteil, dass man aus dem Fenster schauen konnte, wenn man sich auf den Bauch legte. 

Doris saß geistesabwesend am Tisch und zerriss eine Zeitschrift in kleine Fetzen, dabei war ihr Blick starr und angstvoll an die Decke gerichtet. Die Beine unter dem Tisch unnatürlich verdreht. Sie war die Einzige in unserem Zimmer, die sich nicht alleine waschen und anziehen konnte. Zu den Essenszeiten nahm ich sie immer an die Hand, schleifte sie neben mir her in den Speisesaal. Das meiste Essen, das ich ihr in den Mund schob, fiel wieder raus. Oft fragte ich mich, ob sie denn noch wahrgenommen hat, in welcher Welt sie lebte. Es war etwas in ihren Augen, in diesem starren Blick, das mich schaudern ließ. 

"Ist sie nicht ein gutes Mädchen?“ 

"Ach was, die putzt bloß wieder ihren Heiligenschein“ 

"Es ist doch schön, wenn sie hilft“ 

"Soll sich erst mal um sich selbst kümmern, dann kann sie immer noch helfen“ 

"Der ist doch selbst nicht mehr zu helfen“ 

"Ihr seid gemein“ 

"Nein, nur ehrlich“ 

Doris lebt seit Ende des Krieges hier. Ihr Vater konnte sie nicht mehr versorgen, als er verwundet von der Front zurückkam. Doris und ihre Mutter wurden während eines Luftangriffes im Keller ihres Hauses verschüttet. Die Mutter muss wohl sofort tot gewesen sein, Doris fand man erst vier Tage später, eng an den Leichnam ihrer Mutter gekuschelt. 

Manchmal sah ich das in ihren Augen. Nicht den Keller, aber das Grauen, das einen Platz in Doris gefunden hatte, als die Bomben fielen. Und ganz tief hinten in diesen Augen, da sah ich ein kleines Mädchen. Ein kleines Mädchen, das abwehrend die Hände nach vorne streckte, deren kleiner Körper sich immer weiter ins völlige Dunkel zurückziehen wollte. Sie war noch da, ich hörte ihre stummen Hilferufe. Manchmal spürte ich den Zwang,  diese Hände zu ergreifen, um sie wieder ins Licht zu ziehen, aber ihre Angst vor der Realität war wohl noch zu groß. Da wurde ich oft zornig, stieß sie von mir weg-  und fühlte mich so schlecht und so hilflos. 

Auf der linken Fensterseite im unteren Bett lag die dicke Karin. Ihr Gewicht drückte die Matratze bis fast auf den Boden. Zwei von uns mussten ihr helfen, aufzustehen, allein hatte sie es nie geschafft. Karin liebte Musik, sang selbst fast den ganzen Tag. Und sie hat getanzt. Es war unglaublich. Dieser wabernde Fleischberg, der kaum selbstständig stehen konnte, war imstande, sich so anmutig und lieblich wie eine Elfe zu bewegen, wenn sie nur die Musik hörte. Sie wurde so vollständig eins mit Rhythmus und Klang, dass sie wohl vergaß, dass ihre musische Seele in einem plumpen und ungelenken Körper gefangen war. 

Auch sie war ein Opfer des Krieges. Die Russen hatten sie auf ihrem Weg durch Ostpreußen mitgenommen. Ihre Eltern und die zwei kleinen Brüder wurden gnadenlos erschlagen, Karin gezwungen, zuzusehen.  Halb verhungert und völlig zerstört an Körper, Geist und Seele wurde sie in einem geplündertem Dorf zurückgelassen, als sie zu nichts mehr zu gebrauchen war. Dann fing sie an zu essen. Stopfte alles in sich hinein, was sie fand und noch halbwegs essbar war. Und sie hat einen Sanitäter umgebracht, der ihre infizierten Wunden behandeln wollte. Erstochen mit der Schere, die zur Ausstattung seiner medizinischen Utensilien gehörte.  

Warum sind die Menschen so grausam? Und warum sind unsere Seelen so zerbrechlich? Hätte ich nur in meinen Schrank gehen können. Da war Gott, Gott wusste doch alles, er hätte es mir bestimmt erklären können. Doch Gott war nicht da.