Das Schlachtfest

 

Ich bin ein Land-Ei, soll heißen, meine Familie und ich leben in bäuerlicher Gemeinschaft auf einem kleinen Hof irgendwo im Nördlichen Schwarzwald. Natürlich mit allem, was dazu gehört. Ein wenig Landwirtschaft, Hühner, Schweine, Gänse, Enten und ein paar Rindviecher rennen auch noch rum.

Ich bin die Jüngste im Clan. Zusammen mit mir sind wir neun Personen, Oma und Opa, Mama und Papa, Franz, Timo und Klaus, das sind meine Brüder.

Dann gibt es noch Onkel Stefan, genannt Steffele, einen Bruder von Papa. Aber den kann man nicht so ganz ernst nehmen. Mama sagt immer, der ist mal als Baby aus dem Bett gefallen. Seitdem läuft sein Uhrwerk nicht mehr richtig. 

Ich bin auch mal aus dem Bett gefallen, aber ganz so schlimm wie bei Onkel Steffele ist es bei mir nicht. Ich bin bloß ein wenig schusselig, ständig bin ich irgendwo verpflastert, weil ich entweder hinfalle, mich schneide oder sonst wie verletze. 

Mama sagt immer: das Susele braucht eine Brille, sonst passiert irgendwann mal was ganz Schreckliches mit ihr“. Aber Papa meint, das wäre alles nicht so schlimm, solange ich beim Melken noch das Euter bei den Kühen finde.   

Bei uns auf dem Hof muss jeder mit anpacken. Oma und Mama versorgen das Kleinvieh und kümmern sich um Haus und Garten. Opa und Papa sind für die Ställe und die Felder zuständig. Franz und Timo sind bei einem Metzger in Ausbildung und Klaus lernt Schreiner. Jetzt geht’s aufwärts“, sagt Papa immer, bald haben wir die schlimmsten Sorgen überstanden“. Nur Onkel Steffele ist für nichts zu gebrauchen. Meist steht er unnütz im Weg herum und kichert vor sich hin.  

Im Herbst, gleich nach den Sommerferien, wird geschlachtet. Das ist jedes Mal ein richtiges Fest. Ich mag es nicht, wenn die armen Schweine und Kühe gemetzelt werden, aber Papa meint, ich soll mich nicht so anstellen, schließlich würde ich auch gerne mal ein Schnitzel, geräucherten Schinken oder Wurst essen. Stimmt, aber das Gemetzel mag ich trotzdem nicht. 

Wir haben eine richtige Wurstküche, die ist unser ganzer Stolz. Alles weiß gefliest und immer pikobello sauber, dafür sorgt unsere Oma. Natürlich auch mit allen Geräten ausgestattet, die man so braucht. Eine große Wurstmaschine, in der das Fleisch zerkleinert und gerührt wird, ist auch da. Alles glänzt vor Sauberkeit, denn das ist sehr wichtig, sagt Oma immer.  

Jetzt war es also wieder soweit. An großen Haken hängen drei Schweine und zwei Rinder und warten darauf, zerkleinert, zerschnitten und verwurstelt zu werden. Alle wissen, was sie zu tun haben. Onkel Steffele steht wie immer im Weg herum und ich helfe, wo immer ich gebraucht werde. 

Oma putzt noch die Wurstmaschine, Mama schneidet Speck in kleine Würfel und die Männer zerlegen die Schweine und Rinder in passende Stücke. Das sind keine Aufgaben für mich, dazu bin ich zu schusselig. Die würde sich nur alle Finger abschneiden und die Fußzehen gleich mit“ meint Opa. Es gibt ja noch genug anderes zu tun.  Alle sind guter Dinge, lachen und singen aus Leibeskräften, denn wenn die Arbeit geschafft ist, wird gefeiert.  

Auf dem Herd steht schon ein großer Kessel mit Brühe, da kommen die Würste zum Kochen rein, deshalb nennt man die Brühe auch Wurstsuppe.  

Susele“ ruft mein Vater, schau mal, ob die Oma schon die Wurstmaschine geputzt hat. Wenn sie fertig ist, kannst du gleich mit dem Befüllen anfangen.“  

Ich bin riesig stolz, das hat mir noch niemand zugetraut. Himmel, bin ich aufgeregt, ich muss aufpassen, dass ich alles richtig mache. Das schusselige Susele und so eine Verantwortung! Ich hole gleich die erste Ladung Fleisch. Mann, ist das schwer. Rückwärts ziehe ich den großen Behälter Richtung Maschine. Verdammt, irgendwas habe ich jetzt umgestoßen. Nicht schon wieder! Ich drehe ich mich um, aber da ist nichts, alles ok. Oma scheint fertig zu sein, ich sehe sie nirgends, also fange ich an, die Fleischstücke in die Maschine einzufüllen. Als nichts mehr hinein passt, mache ich den Deckel zu und schalte das Mahlwerk ein. Ich bin ja so stolz, dass ich das alleine kann. Onkel Steffele ist auch schon ganz närrisch, er hüpft um mich herum, schreit mir in die Ohren, er hätte Hunger und Durst. Bald ist es soweit. 

Vorne an der Maschine kommt wie bei einem Fleischwolf das fein gemahlene Fleisch raus, fällt in eine große Schüssel, wird dann gewürzt, abgeschmeckt und in die Därme abgefüllt. Das macht Papa, das lässt er sich nicht nehmen. Er sagt immer, sein Rezept verrät er niemand, das bleibt sein Geheimnis.   

Susele, hast du ein Geschirrtuch mit in die Maschine gesteckt? Es kommt  mir so vor, als wären Stoff-Fasern im Brät.“

Nein, Papa, ich habe genau aufgepasst.“

Susele, war noch ein Stück Fleisch dabei, das nicht richtig ausgebeint war?

Es kommt mir so vor, als wären kleine Knochenstückchen im Brät“ 

Nein, Papa, ich habe genau aufgepasst.“ 

Susele, waren die Schweineschwarten richtig sauber? Es kommt mir so vor, als wären noch Borsten im Brät“ 

Nein, Papa, ich habe genau aufgepasst.“ 

Susele, frag doch mal die Oma, ob sie die Maschine richtig geputzt hat“ 

Oma? Oma! Oma? Wo ist eigentlich die Oma? 

Onkel Steffele ist glücklich, mit einer großen Gabel holt er sich die erste fertige Wurst aus der Brühe und beißt mit Appetit hinein. Na dann - Mahlzeit!

 

               

Lisbeth  

 

Ich habe ein Geheimnis. Ein dunkles Geheimnis. Ein Geheimnis mit schwarzen Augen und haarigen Beinen. Acht wunderschönen schwarzen haarigen Beinen.  Meine Schöne, meine Lisbeth. Meine große Liebe. 

Lisbeth wohnt im Keller. In einem extra für sie hergerichteten Käfig im hinteren Bereich, gleich neben dem Heizungsraum. Die Tür ist abgeschlossen, den Schlüssel trage ich an einer Kette um den Hals. 

Aber ich will die Geschichte vom Anfang an erzählen. Ich bin Rainer. 52 Jahre alt, unfreiwillig getrennt lebend. Ja, meine Frau hat mich vor zwei Jahren, vier Monaten, einer Woche und vier Tagen verlassen. Sie könne es nicht mehr mit mir aushalten, ich sei ihr unheimlich, sie hätte Angst vor mir, könne nachts kein Auge mehr zumachen. Es würde sie ekeln, wenn ich sie anfasse. Entweder Lisbeth oder sie. Was für eine Alternative. Niemals könnte ich Lisbeth aufgeben, noch nicht mal für meine Frau. 

So hat sie mich also verlassen. Es gibt Schlimmeres. Ich wünsche ihr alles Gute, der Guten. Leider hat sie meine Söhne gegen mich aufgewiegelt. Robert, mein Ältester kam kürzlich zu Besuch. "Vater", hat er gesagt, "willst du nicht mal einen Termin beim Facharzt ausmachen? Ich gehe auch mit dir hin, falls du dich alleine nicht traust. Aber so kann es einfach nicht weitergehen. Wir machen uns alle ernsthaft Sorgen um dich." 

Wie nett er das gesagt hat. Facharzt. Natürlich meint er den Psychiater. Ich geh doch nicht zum Seelenklempner. Ich bin doch nicht verrückt. Womöglich stecken sie mich noch in die Klapse. Und meine kleine Lisbeth, ich kann sie doch nicht alleine lassen, sie braucht doch jemand, der sie füttert und mit ihr spricht. 

Robert war jetzt schon lange nicht mehr bei mir, auch Tim, den jüngeren Sohn, habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Feiges Pack. Angsthasen. 

Lisbeth war drei Wochen alt, als ich sie geschenkt bekam. Damals hat sie noch in eine Streichholzschachtel gepasst. Ich habe ihr ein wunderschönes Glashaus gebaut, mit Höhlen, Pflanzen, Wärmelampe und alles, was so dazu gehört. Gefüttert habe ich anfangs mit Mehlwürmern, später hat sie Heimchen und andere kleine Insekten bekommen. Sie frisst ja nur alle paar Wochen, zwischenzeitlich muss ich allerdings größere Lebewesen füttern. Aber das ist kein Problem. Ich bin Werksfahrer hier auf dem Reaktorgelände. Wir haben auch ein größeres Versuchslabor. Mein Freund, der Hans, versorgt mich regelmäßig mit Versuchstieren, die nicht mehr benötigt werden. Das ist auch gut so. Als vor einiger Zeit so viele Katzen und Hunde in unserer Siedlung verschwanden, bekam ich einen Anruf von meiner Frau. Sie würde mich bei der Polizei anzeigen, wenn das nicht aufhört, hat sie gesagt. Soviel zur Solidarität innerhalb der Familie. Scheiß drauf.  

Lisbeth hat jetzt einen Durchmesser von 1,90 Meter. Ja, ich sorge gut für sie, sie gedeiht prächtig. Ich habe ihr einen Käfig gebaut, natürlich auch verglast, ganze 19 qm hat der Raum. Es war schon eine saumäßige Arbeit, Höhlen in dieser Größenordnung zu bauen, für die richtigen Wärme- und Lichtverhältnisse zu sorgen. In der rechten Ecke steht noch das Gespinst von der letzten Häutung. Aber, und das ist mein völliger Ernst, für meine Lisbeth ist mir keine Arbeit zu viel, keine Anschaffung zu teuer. Meine ganze Freizeit verbringe ich mit ihr.

Sie ist der Sinn meines Lebens, ohne sie könnte ich nicht mehr existieren.   

Aber jetzt ist etwas Schreckliches passiert. Hans, mein Lieferant für Lebendfutter, hatte vor drei Tagen einen Herzinfarkt, wird auf Monate hinaus nicht mehr arbeiten können. Jetzt ist guter Rat teuer. Wie soll ich jetzt Lisbeths Ernährung sicherstellen? 

Meine Verzweiflung wächst von Tag zu Tag. Lisbeth ist hungrig. Und während  ich bei ihr im Käfig sitze, die leisen, trillernden Töne höre, die sie von sich gibt, mein eigenes Spiegelbild tausendfach in ihren acht Augen sehe, zärtlich die gekrümmten Beine streichle, reift in mir ein Entschluss. 

"Marion", rufe ich meine Frau an: "Marion, ich bin krank. Ich brauche dringend Medikamente. Kannst du diese in der Apotheke holen und mir vorbeibringen?" 

"Kannst du sie nicht selbst holen? Du weißt, ich mache keinen Schritt mehr in dieses Haus, solange dieses Ungeheuer noch da ist. "  

Ungeheuer, ich knirsche mit den Zähnen. Wer das Ungeheuer ist, wird sich noch heraus stellen. Lisbeth bestimmt nicht, nein, ganz bestimmt nicht. 

"Hilf mir doch bitte, ich habe hohes Fieber, mein Kreislauf spinnt total, mir ist so schwindlig. Ich kann sicher nicht Auto fahren, ohne dass ein Unglück passiert."  

"Also gut, aber nur bis zur Tür, weiter gehe ich auf keinen Fall."  

Das sollte reichen. Sie sollte reichen, mindestens für 6 Wochen. Die letzten Jahre hat sie etwas zugenommen. Die Wechseljahre. Es hat mich noch nie gestört und jetzt bin ich eigentlich recht froh darüber.  

Es läutet. Ich öffne ihr die Tür, lasse mich dann mit einem theatralischen Stöhnen zu Boden sinken. Leider ist die große Terrakotta-Vase im Weg. Ich höre noch einen Aufschlag, ein Splittern, dann bin ich weg.  

Weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als ich wieder erwache. Ist das der Keller, ist das Lisbeth, die da so vergnügt trällert? 

Marion ist da und auch Hans. Hans? Was macht der denn hier? Ich denke, er ist im Krankenhaus? Schon entlassen? Dann kann es doch auch nicht so schlimm sein, oder? Hans legt den Arm um Marions Schultern, drückt sie zärtlich an sich. Verräter, Schweinehund. Und so was will mein Freund sein? Das wird er mir noch büßen, ich lass mir doch von dem keine Hörner aufsetzen.   

"Komm, Marion, wir gehen. Das Problem löst sich von ganz alleine. Seine Lisbeth wird sich schon um ihn kümmern. Wie gut, dass du misstrauisch warst und mich gleich angerufen hast." Hans grinst über das feiste Gesicht. 

Ich höre sie noch lachen, als sie die Tür hinter sich abschließen. Der Käfig ist zu, ich bin mit Lisbeth alleine. Ihre Cheliceren zittern schon vor Lust. Ich schaue in ihre Augen, sehe ein hungriges Glimmen in den Tiefen ihrer acht Blicke. Und Liebe, unendliche Liebe. Ich versinke in diesem Blick, kann mich nicht lösen.  

Sie wird mich niemals enttäuschen. Mich niemals verlassen. Ohne mich kann sie nicht weiterleben. Ja, ich weiß es genau, sie hat mich zum Fressen gern!

 

Ökosystem 

 

Wir haben die älteste Bäckerei hier am Ort. Seit 150 Jahren im Familienbesitz, im Sommer ist große Jubiläumsfeier. Wir, das sind meine Frau, drei Kinder im Alter von sechs, neun und zwölf. Die Mutter meiner Frau, meine liebe Schwiegermama, ist auch noch da. Leider. Sie ist ein Drachen. Und zäh. Trotz ihrer 86 Jahre führt sie hier das Kommando, lässt sich nicht die Zügel aus der Hand nehmen. Sie hat uns alle fest im Griff, das Luder. 

Im Betrieb arbeiten noch zwei Gesellen und ein Stift, der Achmed. Türke. Rotzfrech, aber was will ich machen. Will ja keiner mehr das Bäckerhandwerk lernen. Früh aufstehen, samstags arbeiten und jetzt auch noch sonntags, das will doch keiner mehr. Man muss der Kundschaft was bieten, sonst wandern sie alle ab zur Tanke, da gibt es immer frische Ware.  

Ich weiß ja, ich sollte investieren, die Bäckerei ist veraltet, das Haus ist marode, aber ich habe einfach die Kohle nicht, bin froh, dass wir alle unser Auskommen haben und jetzt dieses Unglück. 

Meister, ich glaube, wir haben Mäuse im Vorratslager“. Achmed wollte gerade Mehl holen, kommt kreidebleich mit einem Sack auf der Karre und einem blutigen Zeigefinger. Das Aas hat mich gebissen, gerade als ich den Sack aufladen wollte.“ 

Du spinnst doch, Achmed, bei uns gibt es keine Mäuse. Die Fallen sind immer leer, oder hast du hier schon jemals eine Maus gesehen?“  

Ich bin sehr vorsichtig. Im Lager stehen ständig Mausefallen. Gift darf man ja nicht auslegen, wenn der Wirtschaftskontrolldienst kommt, ist der Teufel los, wenn nicht alles pikobello ist.  

Doch Meister, da war eine Maus. Und was für ein Riesenteil. Ein Schwanz, so lang wie meine Hand! Wie die mich angeglotzt hat. Heimtückisch, gemein. Ich wollte sie wegscheuchen, da hat sie zugebissen.“ 

Ich sehe mir die Wunde an. Tatsächlich, das waren Bisswunden. Ich gehe zum Medikamtenschrank, habe die Wunde desinfiziert, ein Pflaster drauf geklebt. Das sollte reichen, ich kann es mir nicht leisten, ihn zum Arzt zu schicken. Der macht mir glatt eine Woche krank, nein, das geht nicht.  

Finger weg vom Teig heute. Räum das Lager auf, ich helfe Dir, wenn die Brötchen fertig sind.“ 

Die letzten Brötchen kommen in den Ofen, meine Frau backt noch Hefezopf, die anderen Kuchen kommen später am Vormittag dran. 

Der Drachen kommt mit einer Schüssel, guckt mich giftig an, den Achmed lässt sie völlig links liegen und geht ins Lager. Es vergehen kaum fünf Minuten, dann geht das Theater los. Der Drachen schreit wie am Spieß, es läuft mir eiskalt über den Rücken. Was ist denn jetzt schon wieder los? Achmed, Peter und Paul, die Gesellen und meine Wenigkeit rennen so schnell wie möglich in den Vorratskeller. Der Drachen schreit nicht mehr, das ist wohl auch nicht möglich. Blutend liegt sie auf dem Boden, ihr starrer Blick ist äußerst universell. Überall Ratten, verbissen in ihren Armen und Beinen, eine sitzt ihr im Gesicht, wühlt sich schmatzend und beißend in ihren aufgerissen Mund.  Die Haare haben sich aus dem Dutt gelöst, eines der Biester hat sich mit den Krallen in dem grauen Gefilz verfangen, quiekt hilflos. Peter nimmt eine Messkelle, haut wie wild auf die Ratte ein. Das Biest schreit und schreit, die Schläge scheinen ihm überhaupt nichts auszumachen. Der Drachen spürt wohl nichts mehr, sie hat sich aus dieser Welt verabschiedet.

Paul steht vor Entsetzen steif und starr neben der Tür, eines der grauen Ungeheuer hangelt sich gerade seine karierten Hosen hoch, will unter die Jacke schlüpfen. Achmed schlägt mit dem Besen zu, Paul und die Ratte fliegen mit einem Aufschrei in die Ecke, wo der Dinkel in Säcken steht. Paul, die Ratte und ein geplatzter Sack Dinkel. Und Achmed, der immer noch wie ein Wilder drauf haut. Das Bürschchen hat Mut, hätte ich ihm gar nicht zugetraut.  

Brigitte, meine Frau, wohl von dem Lärm angelockt, schlägt die Tür hinter uns zu: ich rufe die Polizei und die Feuerwehr. Schlagt die Biester tot, lasst bloß keine raus, ich will sie nicht im Laden haben!“   

Das war jetzt eigentlich meine kleinste Sorge. 

Doch plötzlich, als hätten die Ungeheuer alles verstanden, ein Pfiff, sind blitzschnell alle verschwunden.  

Was für ein Theater. Der Drachen tot. Peter und Paul sind an Armen und Beinen verbissen, Paul hat eine Prellung am Bauch und eine Prellung am Steißbein, als er durch Achmeds Schlag auf den Boden geknallt ist. Die Sanitäter nehmen beide mit zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus. Achmed fehlt außer dem Biss im Finger nichts und ich? Ja, ich bin wohl mit dem Schrecken davon gekommen, keine der Ratten hat mir was getan. 

Die Bäckerei ist vorläufig geschlossen. Brigitte und die Kinder sind ausgezogen. Brigitte meint, in diesem Haus könne sie keine Nacht mehr ruhig schlafen.  

Ich habe mit den Ratten ein Arrangement getroffen. Ich überlasse ihnen den Vorratskeller, dafür lassen sie mich in Ruhe. Manchmal sitze ich auf einem Hocker und sehe zu, wie sie Mahlzeit halten. Die Säcke sind alle aufgerissen, Körner, Mehl, Zucker, Gries, alles ist auf dem kalten Steinboden verstreut. Aus den Jutesäcken haben sie die Nester gebaut. Rosafarbene, kleine Rättchen saugen an der Mama, es ist ein Bild des Friedens und der Liebe. Ich fühle mich für sie verantwortlich, schließlich sind sie fast so etwas wie meine neue Familie. Die alte hat sich verabschiedet, niemand will mehr etwas von mir wissen.   

Und so langsam reift in mir ein Entschluss. Ich werde die Bäckerei aufgeben, will sowieso keiner mehr hier arbeiten. Scheiß auf die 150-Jahr-Feier. Kostet nur unnötig Geld. Von der Schwiegermutter habe ich ein kleines Grundstück außerhalb der Stadt, direkt an der Schnellstraße, geerbt. Also hatte sie wohl doch etwas für mich übrig. Ich werde einen Imbiss eröffnen. Das bisschen Brot und Brötchen könnte ich noch selbst backen. Und Fleisch? Wenn ich mich so umsehe, Fleisch ist eigentlich genügend da. Ich wechsle einen Blick mit der Oberratte. Sie scheint einverstanden zu sein. Die Population muss irgendwie eingedämmt werden, sonst reichen die Vorräte nicht mehr lange. Das ist gelebte Ökonomie. Ich sorge für die Ratten und sie sorgen für mich. So soll es sein, alles wird gut.

 

Die Künstlerin

 

Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin das gekrönte Bild der absoluten Karriere-Frau. Ich bin schön, selbstbewusst, jung, reich. Ich bin eine Göttin. 

Naja, über Schönheit kann man sich ja streiten, aber wenn ich mir rückblickend überlege, wie viel Geld ich schon in mich selbst investiert habe, kann sich das Ergebnis eigentlich sehen lassen. Ich kann es mir leisten, mal kurz einen Tausender für den Edelfrisör hinzublättern und meine Klamotten sind fashion, teuer, verrückt. Ich trage sie nur einmal. Alles habe ich mit meinen eigenen Händen verdient, ich bin eine Künstlerin in meinem Fach. Meine Verbindungen sind weltweit, überall in den Büros der Chefetagen sind meine Werke zu bewundern. Aber ich will nicht vorgreifen, ich erzähle die Geschichte von Anfang an.  

Vor neunundzwanzig Jahren wurde ich geboren. Über meine Eltern will ich nicht reden, sie sind mir zu brav und zu bieder. Das einzige Highlight in ihrem spießbürgerlichen Leben war meine Geburt, die Geburt dieses einzigartigen, einmaligen, hochbegabten Kindes. Meine Hände sind Zauberwerkzeuge, meine Finger Zauberstäbe, mein Kopf die Geburtsstätte tausender, verrückter und Geldbringender Ideen. Spielzeug hat mich nie interessiert. Gib mir ein Blatt Papier und Farben und ich bin in meinem Element. Stundenlang hielt ich mich in unserem Museum auf, skizzierte, zeichnete, malte. Reproduktion nennt man das. Was soll ich sagen, ich war zwölf Jahre alt und meine Mona Lisa sah aus wie das Original. Man wurde auf mich aufmerksam, ich hatte schon mit vierzehn Jahren meine eigene Ausstellung. Ich reproduzierte alles, was mir in die Finger kam, Bilder, Geldscheine und vor allem Zeugnisse und Urkunden.  

Das erste Geld hielt ich in den Händen, als zwei meiner Mitschüler durch das Abi rasselten. Sie hatten trotzdem wunderschöne Abschlusszeugnisse mit einem Notendurchschnitt von eins, ich war sehr stolz auf meine gelungene Arbeit. Die Papas haben sehr gerne für ihre Sprösslinge bezahlt, pro Zeugnis habe ich ihnen 2000 DM abgeknöpft, aber das war es auch wert. 

Meine Eltern waren entsetzt: das war doch Betrug, Du wirst noch im Gefängnis landen, Du hast ja überhaupt kein Gewissen, was soll nur aus Dir werden?“ Reich wollte ich werden und zwar schnell. Erfolgreich und schön wollte ich sein. Sofort. Ohne Umwege über Arbeit oder andere langweilige Tätigkeiten, die nur den Alltag veröden, Falten ins Gesicht drücken. Arbeiten bis bucklig, das war nichts für mich. Händeringend haben mich meine Eltern gebeten, nach dem Abitur wenigstens zu studieren. Aber auch das wollte ich nicht, das war mir zu anstrengend, dauerte zu lange und vor allem, ich hätte ja immer noch lernen müssen! Geld lässt sich bedeutend leichter verdienen, es liegt mir praktisch in den Händen. 

Der Bedarf an Urkunden und Zeugnissen ist riesig. Einen guten Arbeitsplatz bekommt man heute nur bei entsprechender Qualifikation und diese Qualifikation war bei mir für teures Geld zu bekommen. Manche wollten nur ein Abschlusszeugnis, andere ein Studienzeugnis und wieder andere den Doktor- oder Professorentitel. Ich möchte ja wirklich nicht aus dem Nähkästchen plaudern, auch bei mir ist Datenschutz ein Thema, aber wenn ich erzählen würde, wie viele der Honoratioren aus Politik und Wirtschaft zu meinen Kunden gehören, würden euch die Tränen kommen. Rechtsanwälte und Doktoren, ich kann nur lachen! 

Heute habe ich ein Studio in Mailand, in Manchester und in New York. Offiziell bin ich Kunsthändlerin, das ist mein Aushängeschild für das Finanzamt. Immer noch arbeite ich alleine, ich stelle die höchsten Ansprüche an meine Werke. Und womit ich mich wirklich beschäftige, geht niemanden etwas an.

Aber jetzt plante ich erst mal ein paar Wochen Urlaub. Ich wollte meinen Flugschein machen, mir selbst so ein kleines Flugzeug zulegen, das Gedönse auf den Flughäfen war mehr als lästig. 

Die Flugstunden nahm ich in Hamburg, der Fluglehrer war sehr erfahren. Er war ein verdammt gut aussehender Mann, vielleicht sollte ich mal mit ihm nach Mailand zu einem gemütlichen Kerzenabend zu zweit fliegen? Er ist zwar verheiratet, aber das spielt nun wirklich keine Rolle, ich habe immer bekommen, was ich wollte. 

Es war wunderbar, selbst ein Flugzeug zu fliegen. Reinhard Mey lässt grüßen, aber die wahre Freiheit ist wirklich nur über den Wolken, das habe ich jetzt am eigenen Leib erfahren. Und Hans, dieser Adonis, beobachtete scharf, wie ich mit meinen Händen das Flugzeug steuerte, während er mit seinen Händen Landeplätze auf meinen Körper suchte.  

Es war einfach Pech, dass während meiner letzten Flugstunde so bescheidenes Wetter war. Ein Gewitter tobte heftig über uns. Hans wollte unbedingt zum Flughafen zurück, bevor das Wetter und der Sturm noch schlimmer wurden. Ich habe mich gefügt, was mir sehr schwer gefallen ist, denn normalerweise gebe ich die Anordnungen. Es geht nach meinem Willen oder gar nicht.  

Warum dieser blöde Hund über die Landebahn gerannt ist, warum ich so sentimental reagiert, nicht einfach drauf gehalten habe, weiß der Himmel. Jedenfalls habe ich die Landebahn verpasst und wir sind sauber auf einem Zubringerbus gelandet. Ich höre noch immer das Splittern von Glas, das Bersten von Metall, die Schreie von Hans, der seltsam verkrümmt zwischen den Instrumenten hing und dem das Gehirn auf den Overall tropfte. Jetzt sah er nicht mehr so gut aus, ich muss mir das mit Mailand noch mal überlegen. In all dem Durcheinander, trotz meiner höllischen Schmerzen, sah ich doch tatsächlich noch diesen struppigen, schwarzen Köter auf der Landebahn sitzen, er grinste mich an, wedelte dankbar mit dem Schwanz. Ich wurde ohnmächtig.  

Helles, grelles Licht weckt mich auf. Menschen mit grünen Anzügen stehen um mich herum. Wie fühlen Sie sich, können Sie mich hören?“ spricht mich einer der grünen Anzüge an. Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, wir mussten Ihnen beide Arme amputieren, eine Rekonstruktion wäre bei den schweren Verletzungen nicht möglich gewesen.“ Ich verstehe nicht, was er meint, meine Hände und Arme sind doch noch da, sie schmerzen barbarisch.

Aber das verdammte Gesicht kenne ich doch? Habe ich diesem vollbärtigen, schweinsäugigen Scharlatan nicht vor einem halben Jahr für 136.000,00 Euro einen Professorentitel verkauft? 

Wer hat mich operiert?“ frage ich krächzend die Krankenschwester, die neben mir steht. Herr Professor Haubenmüller persönlich, eine Kapazität auf dem Gebiet der Wiederherstellungschirurgie. Er ist vor sechs Monaten aus den USA zu uns gekommen.“ Sie klimpert mit ihren falschen Augenwimpern, das Aas, strahlt ihn an. Er tätschelt mir beruhigend über die Wangen. Ich kann nicht anders, ich beiße ihm kräftig in die Finger. Der Teufel soll dieses undankbare Weibsbild holen“ schreit mein Professor und ich hoffe, er tut es wirklich. Der Teufel.

 

Das alte Haus

 

Ich lebe schon sehr lange in diesem alten Haus, eigentlich seit dem Tag, an dem ich geboren wurde. Jeder Winkel ist mir vertraut, jedes Geräusch aus den dunklen Ecken wohlbekannt. Täglich mache ich meinen Rundgang durch die 2 Stockwerke, das Erdgeschoß, den Keller, hoch in den riesigen Speicher. 

Meine Mutter habe ich nie gekannt. Sie sei unmittelbar nach meiner Geburt gestorben, erzählte mein Vater. Oft stehe ich in der alten Bibliothek und betrachte ihr Bild, das direkt neben dem verrußten Kamin hängt, zusammen mit vielen anderen Fotografien von Menschen, die ich nicht kenne. 

Wie oft habe ich mit den Fingern über das Bild meiner Mutter gestrichen, das Glas geküsst, das Herz voller Sehnsucht nach ihren fürsorglichen Armen. Ich fühle eine seltsame Faszination für diese Frau, obwohl ich nie Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen. Aber es ist etwas in ihrem Blick, das mir Vertrauen gibt, mich tröstet, wenn ich traurig bin und Hoffnung schenkt, wenn ich mich einsam fühle. Sie war sehr schön, sie hatte Augen so grün wie ein Bergsee und ihr Blick war unergründlich und tief. Ich sei ihr in vielen Dingen ungeheuer ähnlich, meint mein Vater. 

Die Einsamkeit liegt wie ein graues Tuch über unserem Leben. Mein Vater lebt sehr zurückgezogen, widmet sich seinen Studien und so ziehen Tage und Nächte in stetem Gleichmaß an mir vorbei. Ich bin nie zur Schule gegangen, mein Vater hat mich selbst unterrichtet, er war  Professor der Philosophie an der hiesigen Universität. Ich sehe ihn nicht mehr oft, manchmal besuche ich ihn in seinem Studierzimmer, er sitzt in seinem großen Ohrensessel am Schreibtisch und liest in seinen dicken Lederfolianten, die ordnungslos um ihn herum gestapelt sind. Manchmal spricht er mit mir, aber nicht oft und ich denke, er ist sich meiner Gegenwart nicht mehr bewusst. 

Als ich noch nicht geboren war,  meine Mutter noch lebte, gab es auch Gesellschaften in unserem Haus, Maskenbälle nannte sie mein Vater. Es wurde gelacht, getrunken und getanzt und um Mitternacht war die Demaskierung. Meine Mutter hatte diese Feste sehr geliebt, erzählt mein Vater, und sie hatte großen Wert darauf gelegt, dass viele schöne, junge und appetitliche Menschen eingeladen wurden.  

Heute sind die Türen zum vorderen Eingang und in den Garten fest verriegelt und verschlossen. Eigentlich wäre diese Vorsicht nicht nötig gewesen. In all den Jahren habe ich es nie erlebt, dass ein Besucher an der Messingglocke geschellt oder an die Tür geklopft hätte. Wir brauchen keine Gesellschaft mehr“, sagt mein Vater wir sind anders als die Menschen draußen.“ Eine weitere Erklärung habe ich nicht bekommen.   

Oft streunen Kinder durch unseren Garten. Ich kann sie sehen, wenn ich hinter den Vorhängen aus dem Fenster schaue. Sie stehlen die Äpfel und Birnen von unseren Bäumen,  stoßen sich gegenseitig an, zeigen mit ihren schmutzigen Fingern auf unser Haus. Winke ich mal zurück, erstarren sie wie die Salzsäulen und klettern schleunigst über die Steinmauer auf die sichere Straße zurück.  

Doch manchmal schleicht eines der Kinder wieder zurück. Das Fenster zum Kohlenkeller ist zerbrochen und es scheint eine Mutprobe bei den jungen Leuten  zu sein, durch dieses Fenster einzusteigen und einen Spaziergang durch das alte Haus zu machen. 

Mir ist das recht, auch ich brauche Nahrung. Das Fleisch und Blut von Kindern ist ausgesprochen zart und nahrhaft. 

Dies sind die Höhepunkte in meinem Leben, wenn meine Zähne sich tief in eine weiße Kinderkehle bohren, der rote Saft des Lebens heiß und lebendig meinen Mund füllt und der Geschmack des jungen Fleisches meinen Gaumen küsst.  

Und so warte ich all die Jahre geduldig auf solch ein Festmahl, stehe lockend am Fenster, beobachte das junge Leben und schmecke die Vorfreude auf meiner Zunge. 

Die Neugier wird sie schon zu mir treiben.

 

Die Maskenbildnerin

 

Ich gehe sehr gerne über den Friedhof. Die Ruhe, der Frieden, die dieser Ort ausstrahlt, berühren meine Sinne. Mein Atem wird ruhiger, die Müdigkeit fällt von mir ab. Ich bin wieder Mensch, fühle mich ungeheuer lebendig. Langsam schlendere ich auf den geharkten Wegen umher, zupfe ein welkes Blümchen dort, gieße ein trockenes Pflänzchen hier. Es sind alles meine Gräber, ich fühle mich durch die vielen Jahre, die ich schon hier auf dem Friedhof verbringe, mit allen eng verbunden. 

Ich bin sehr kreativ, Farbenspiele liebe ich ganz besonders. Manchmal kann ich einfach nicht anders, ich muss die Blumengestecke und Kränze neu ordnen. So habe ich schon viele Gräber völlig neu dekoriert, Blumen und Pflanzen ausgetauscht, bis mir das Arrangement gefallen hat.

Wochenlang war ich beschäftigt, aber jetzt ist der kleine Friedhof ein Schmuckstück. Glücklich sitze ich auf einer Bank, lasse meine Blicke schweifen, vergesse fast meine Sorgen. 

Ich weiß, dass viele hinter vorgehaltener Hand tuscheln: Da kommt die Verrückte, die die Finger nicht von den Gräbern lassen kann. Eigentlich gehört sie eingesperrt. Unverständlich, dass die Polizei hier nichts unternimmt! Die ist doch reif für die Klapse!“ 

Natürlich haben mich die Polizei und die Friedhofsverwaltung schon auf meine Aktivitäten angesprochen. Grabschänderei nennen sie das, haben mich ernsthaft verwarnt. Noch einmal und ich hätte die Konsequenzen zu tragen. Sieht denn niemand, wie dieser Friedhof durch mich aufgewertet wurde? Aber so ist es halt, Undank ist der Welt Lohn, das habe ich schon oft zu spüren bekommen. 

Habe ich nicht schon Sorgen genug? Schlagartig fällt es mir ein.

In meiner Handtasche befindet sich meine Kündigung. Was haben die doch gleich geschrieben? Ich sei unflexibel, würde nur meine eigenen Vorstellungen durchsetzen wollen, wäre eigensinnig? Und das nach dreiundzwanzig Dienstjahren? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich weiß noch genau, als ich meine Arbeitsstelle als Maskenbildnerin am hiesigen Theater angetreten hatte, wurde genau das von mir erwartet, was man mir heute vorwirft. Eigene Ideen einbringen, selbständig arbeiten, auch mal was Ungewöhnliches ausprobieren, genau das waren die Ansprüche, die man damals an mich hatte. Und, sind wir doch mal ehrlich, die schönsten und ungewöhnlichsten Masken waren immer von mir. Ja, vielleicht bin ich manchmal übers Ziel hinausgeschossen, aber das ist doch kein Grund, jetzt zu kündigen. Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt, wo soll ich denn noch eine Stelle finden, noch dazu eine, die Spaß macht? 

Langsam gehe ich meinen Weg zurück, vorbei an der Aufbahrungshalle und sehe wie immer  nach, wer als Nächstes beerdigt wird. Ach ja, Metzger Schmieg ist gestorben. Schon als Kinder haben wir über ihn gelacht, sah er doch aus wie ein kleines Schweinchen. Im geheimen haben wir immer Herr Quieck zu ihm gesagt. Wer wohl jetzt das Geschäft weiterführt? Vielleicht einer seiner Söhne, die alle drei samt und sonders ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sind?  

Die Aufbahrungshalle ist offen, ich werfe einen neugierigen Blick hinein.

Genau, hier liegt er. Sehr blass, das früher schweinchenfarbige Gesicht ist eingefallen, die Lippen blau, die kleinen Äugchen geschlossen. Nein, eine schöne Leiche ist er wirklich nicht.

Könnte man da nicht was ändern?  Eigentlich habe ich doch alles dabei, was ich brauche?  

Ich mache mich an die Arbeit, singe ein frommes Kirchenlied, schließlich kann ich in der Leichenhalle nicht La Paloma pfeifen, und versuche aus Herrn Quieck, Entschuldigung, Herrn Schmieg, eine anständige und passable Leiche zu machen. 

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Zeitungsbericht vom 02.11.2004- Stadtanzeiger- 

Schock auf dem Friedhof 

Unbekannte haben gestern auf dem Friedhof die Leiche des am 29.10.2004 verstorbenen Alois Schmieg geschändet. Als die Angehörigen vor der Bestattung Abschied von ihrem geliebten Ehemann und Vater nehmen wollten, stellten sie voller Entsetzen fest, dass aus dem Kopf des lieben Verblichenen der Kopf eines alten Ebers geworden war. Frau Schmieg erlitt einen Schock und musste im hiesigen Krankenhaus ambulant behandelt werden. Wie die Kriminalpolizei in einer ersten Ermittlung festgestellt  hat, wurde der Kopf des Herrn Schmieg vollständig und fachmännisch restauriert und geschminkt. Erste Untersuchungen wurden eingeleitet, ein Verdächtiger konnte jedoch noch nicht gefunden werden.

Die hiesige Polizeidienststelle nimmt sachdienliche Hinweise vertraulich entgegen.

 

Die Visite 

 

Städtisches Krankenhaus, psychiatrische Abteilung, dies ist seit sechzehn Monaten mein Wirkungskreis. Hier lebe, arbeite ich, gebe mein ganzes Können und Wissen an die armen, bedauernswert kranken Menschen weiter. Ich gehe vollständig auf in meiner psychologischen Arbeit, ich kenne keinen Feierabend, kein Wochenende und keine Freizeit. Die Patienten sind meine Kinder, ich sorge wie eine Mutter für sie, Tag und Nacht. 

Zeit für die Abend-Visite. Ich gehe in mein Zimmer, ziehe einen frischen Ärztekittel an, hänge das Stethoskop um den Hals. Ich nehme den kleinen Wagen mit, in dem die Patientenakten eingehängt sind. Eigentlich brauche ich die Akten gar nicht, ich kenne die Krankheitsgeschichten alle auswendig. Ich weiß bei jedem Einzelnen die Diagnose, die Prognose und welche Therapien und Medikamente derzeit benötigt werden. Oben auf den Wagen stelle ich einen Behälter, in dem die nötigen Medikamente, Spritzen, sterile Tücher und andere Utensilien auf ihren Einsatz warten. 

Es ist still auf dem Gang. Die Patienten haben alle schon zu Abend gegessen, sind gewaschen und sollten jetzt eigentlich in ihren Betten liegen.

Besucher gibt es auf dieser Abteilung so gut wie keine, weil man für Besuche eine besondere Genehmigung braucht. Hier auf der Abteilung sind nur die ganz schweren Fälle, die Besucher müssen deshalb kontrolliert werden.  Aber die Besuchszeit ist schon lange vorüber, ich muss jetzt wirklich nicht mit Störungen rechnen.  

Meine erste Patientin ist Adele. Sie ist schon länger hier als ich. Sie leidet unter Schizophrenie. Auf den Namen Adele reagiert sie nicht. Sie ist Königin Elisabeth und mich hält sie für Maria Stuart. 

Guten Abend, Majestät, war an diesem Tag alles zu Eurer Zufriedenheit?“ frage ich sie, blättere emsig in ihrer Akte. 

Wache“ schreit sie erbost, schafft mir dieses grässliche Weib aus den Augen. Warum läuft sie hier noch herum? Habe ich nicht befohlen, dass sie geköpft werden soll? Wache!“ 

Ich lächle zuckersüß, streiche ihr geduldig über die Haare, was sie nur sehr widerwillig über sich ergehen lässt. Majestät, Ihr seid sehr erregt. Ich werde Euch etwas zur Beruhigung verordnen. Für die augenblickliche Aufregung empfehle ich ein Abkühlungsbad.“  

Es ist ein schweres Stück Arbeit, sie aus dem Bett und ins Badezimmer zu schaffen. Sie wehrt sich heftig, aber das nützt ihr nichts. Ich lege sie in die Wanne, binde sie fest, damit sie sich nicht verletzen kann, weil sie wild um sich schlägt. Ich lasse langsam das eiskalte Wasser einlaufen. Kaltes Wasser ist bei dieser Art der psychischen Eskalation sehr effektiv. Damit sie nicht so laut schreit, klebe ich ihr den Mund mit einem Pflaster zu. Mindestens eine halbe Stunde wird sie jetzt abkühlen und anschließend ist sie, nach meiner Erfahrung, friedlich wie ein Lamm. So, das wäre geschafft, die erste Patientin optimal behandelt, aufs Beste versorgt. Nur noch die Eintragungen in Krankenblatt, das ist schnell erledigt. 

Im nächsten Zimmer habe ich nicht viel zu tun. Teilnahmslos und apathisch liegt Wolfgang in seinem Bett. Er ist ungefähr hundert Jahre alt. Von seiner Umgebung bekommt er so gut wie nichts mehr mit. Ich messe ihm nur schnell den Blutdruck, höre sein Herz ab, lege ihm einen neuen Blasenkatheter. Was für ein altes, verhutzeltes Ding er hat. Natürlich habe ich meine feinen Gummihandschuhe angezogen, die Hygienevorschriften müssen auf jeden Fall eingehalten werden.  

Damit er nicht aus dem Bett fällt, ziehe ich die Gurte an seinen Händen noch ein wenig fester, auch die Gurte an seinen Beinen sind zu locker. Die Infusion könnte auch ein wenig schneller laufen. Muss ich denn immer alles selbst machen?  Vielleicht wäre auch eine zweite Dosis Beruhigungsmittel nicht schlecht, damit er auf jeden Fall eine ruhige, friedliche Nacht hat. Ich nehme das entsprechende Medikament, ziehe es in eine Spritze auf und gebe es in die Glukoseinfusion. 

Prüfend schaue ich ihn noch mal an. Ja, die Notrufklingel liegt genau neben seinem Kopf. Wenn er sich umdreht, wird ihn das stören. Ich hänge sie an den Bettgalgen. Mit den gebundenen Händen kann er ohnehin nicht klingeln. Er atmet sehr heftig, rollt mit den Augen, stöhnt zum Herzerweichen. Anscheinend will er etwas sagen. Aber Sprechen regt ihn nur zusätzlich auf, ich denke, ich klebe auch ihm ein Pflaster über den Mund. 

Jetzt sollte eigentlich alles in Ordnung sein. Wieder der Eintrag ins Krankenblatt, das darf niemals vergessen werden. Es ist Zeit für den nächsten Patienten. 

Ach, ein Neuzugang. Die Krankheitsgeschichte kenne ich ja noch gar nicht. Versuchter Selbstmord. Na Jungchen, hat es diesmal nicht geklappt? Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.  

Er schläft. Was für ein hübsches Kerlchen. Da sollte es eigentlich Spaß machen, einen Katheter zu legen. Später, wenn noch genügend Zeit bleibt. Ich lese seine Akte. Aha, Andreas heißt du. Akuter depressiver Zustand nach Verlust des Arbeitsplatzes. Schulden ohne Ende. Und der Partner hat dich auch noch verlassen. So, so, eine kleine Schwuchtel bist du. Warum schläft der Kerl so lange? Wahrscheinlich hat er ein starkes Beruhigungsmittel bekommen. Ob das wirklich so gut ist nach seiner Tabletten- Vergiftung? Ich glaube, ich spritze ihm mal ein Aufwachmittel und mache dann gleich die erste Therapiestunde mit ihm. Wenn jemand solche massiven Sorgen hat, da hilft nur viel, viel Liebe. Die kann er gerne von mir bekommen, ich habe ein sehr mitfühlendes Herz. 

Ich setze ihm die Spritze, löse seine Gurte. In zehn Minuten sollte das Medikament wirken und er langsam aufwachen. Ich glaube, ich werde die Balkontür ein wenig öffnen, damit er genügend Sauerstoff bekommt. Wir sind hier im dreizehnten Stock, da muss er keine Angst vor Eindringlingen haben. Ich werde nachher noch mal nach ihm schauen. Wenn er dann noch da ist.  

Auf zum nächsten Patienten. Eilig öffne in die Tür, doch draußen auf dem Gang erwartet mich eine Überraschung. Vier Pfleger stürzen auf mich los, zwei Ärzte sind dabei. Sie halten mich fest, reden auf mich ein. Ich will diese verdammte Zwangsjacke nicht, ich muss doch meine Visite zu Ende machen. Ich will auch keine blöde Spritze, ich will nicht schon wieder schlafen, ich muss doch arbeiten! Es warten noch so viele Patienten auf meine Hilfe. Ich will nicht, lasst mich sofort los, ich will nicht, lasst mich los! Verdammtes Ärztepack, ich bin nicht verrückt, ich doch nicht, lasst mich meine Arbeit machen. Ihr Teufel, euch hat die Hölle ausgespuckt! Mama, hilf mir!“ 

Ich fühle, wie der Ärmel meines Kittels hochgeschoben wird, eine Spritze bohrt sich in meine Vene und gnädige Dunkelheit legt sich über mich wie ein schützender Mantel. Ganz entfernt höre ich noch eine Stimme: Hoffnungsloser Fall. Unheilbar. Austherapiert. Ich glaube, wir müssen sie jetzt isolieren. Das letzte Mal haben wir schon zwei Patienten verloren, das darf nicht noch einmal passieren. Wer hat sie eigentlich aus ihrem Zimmer gelassen?“

 

Ein schönes warmes Kaminfeuer 

 

Endlich. Ich kann es kaum noch abwarten. Paul und ich werden umziehen. In unser Traumhaus. Lange genug hat es gedauert. Die grauen und trüben Tage in London sind endlich vorbei.   

Paul hat geerbt. Eine Großtante mütterlicherseits, Heather, Gott hab sie selig, hat ihm das Cottage in den Blackdown Hills im Südwesten Englands vermacht. Und ein paar Pfund noch dazu. Viele Pfund, damit können wir locker und leicht unseren Lebensabend finanzieren. Die gute Heather, gelegentlich werde ich ihr eine Kerze stiften. Paul meint zwar, das sei nicht nötig, eine Kerze würde der alten Hexe auch nicht den Weg in den Himmel pflastern. Ach, ich weiß nicht. Soll sie doch in Frieden ruhen. Vielleicht stifte ich auch zwei Kerzen. Mal sehen. 

Einen Teil des Geldes haben wir investiert, um das Häuschen zu renovieren. Schon lange wurde nichts mehr getan, Heather war einfach zu geizig. Paul hat viel selbst gemacht, Küche und Bad neu gefliest, alles tapeziert, die schönen Holzböden abgeschliffen und neu versiegelt. Ich habe den Garten auf Vordermann gebracht. Was da alles unter dem Unkraut zum Vorschein kam. Wunderschöne alte Rosenbüsche, Hortensien in allen Farben. Ja, es ist das Paradies. Der Kamin musste repariert werden. Das hat Paul nicht selbst machen können, damit haben wir einen Handwerker beauftragt. Aber jetzt ist alles fertig, morgen kommt der Möbelwagen, dann endlich, beginnt ein neues Leben.  

Die Erbschaft kam gerade zum richtigen Zeitpunkt. Paul ist schon zwei Jahre arbeitslos. Fand einfach keinen Job mehr als Schreiner. Er sei zu alt, kommt mit den neuen Maschinen nicht zurecht. Jetzt kann er sich ohne Sorgen mit seinem Hobby beschäftigen. Paul restauriert alte Möbel, im Schuppen neben dem Haus kann er sich jetzt austoben. Und vielleicht kann er ja auch mal das eine oder andere Stück verkaufen. Obwohl es eigentlich nicht nötig ist, Geld haben wir jetzt genug. 

Es ist eigenartig mit diesem Haus. Wir haben uns gleich wohl gefühlt. Als wir eingezogen sind, war ein wunderschöner Frühlingstag. Die Sonne schien, im Garten zwitscherten die Vögel, ein dicker, roter Kater räkelte sich auf der Bank vor dem Haus. Wo er wohl hingehört? Ich liebe Katzen, jetzt kann ich mir vielleicht auch selbst eine oder zwei halten. Platz genug. Die Fenster sind weit offen, die weißen Gardinen winken uns einladend zu. Als wollten sie uns sagen: Herein mit euch, das ist euer neues Zuhause. Ja, ich hatte das Empfinden, das Haus freut sich über seine neuen Besitzer. Und wir freuen uns über unser neues Zuhause.  

Abends sitzen wir gemütlich im Wohnzimmer. Paul lümmelt auf der Coach, ich habe mir eine Decke vor den Kamin gelegt, in dem ein warmes Holzfeuer knisternd vor sich hinflackert. Zur Feier des Tages haben wir uns ein Fläschchen Wein gegönnt, der rote Traubensaft funkelt in den alten Kristallgläsern wie Blut. Das Herz läuft mir über, alle meine Träume und Wünsche sind wahr geworden.  

Corinne“, Paul schnuppert, Corinne, hast du den Herd ausgeschaltet? Ich habe so einen Bratenduft in der Nase. Wir haben doch heute gar kein Fleisch gegessen?“ 

Ich rieche nichts. Wird deine Pfeife sein. Ich rieche nur noch ein bisschen Farbe. Und Lack. Wir müssen die nächsten Tage gut lüften.“ 

Die kommenden Tage sind wir noch ziemlich beschäftigt mit Auspacken. Zwei Nachbarinnen schauen vorbei, stellen sich vor. Sie erzählen uns gleich den neuesten Dorftratsch. Paul verzieht sich in den Schuppen, grinst, lässt uns schnatternde Weiber allein. Zu dritt sitzen wir um den runden Esstisch in der Küche, trinken Tee und knabbern an den Keksen, die ich gestern gebacken habe. Vielleicht finde ich ja hier neue Freundinnen, das Leben in London war schon ziemlich öde. Ach, es ist so schön hier, ich bin überglücklich. 

Gegen Ende der Woche besucht uns der Dorfpolizist. Constable Russell. Ein Mann in Pauls Alter, so um die 50 rum. Wir zeigen ihm das Häuschen, er ist begeistert, was Paul alles in der kurzen Zeit geschafft hat. 

Das ist ja ein richtiges Schmuckkästchen geworden. Richtig gemütlich. Und die schönen alten Möbel, richtig gediegen und so gepflegt!“ 

Ja, Paul hat sich alle Mühe gegeben. Heather sei gedankt. 

Ach, was ich noch fragen wollte. Habt ihr etwas von John Smile gehört, dem Kaminbauer?“ 

Nein, bis jetzt noch nicht. Wir haben auch noch keine Rechnung für den Kamin bekommen.“ 

Seltsam, seit zwei Wochen hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Spurlos verschwunden. Naja, er war ja schon immer etwas seltsam. Ein Eigenbrötler.

Guter Handwerker, die Kamine, die er gebaut hat, kann der größte Sturm nicht mehr umblasen. Aber sonst? Seit seine Frau vor vier Jahren mit einem anderen Mann abgehauen ist, hat er sich immer mehr zurückgezogen, ist immer seltsamer geworden.  Wenn er sich bei euch meldet, sagt mir bitte Bescheid.“ 

Wir haben nie mehr etwas von John Smile gehört. Sein Verschwinden war über Monate hinweg das einzige Gesprächsthema im Dorf. Wir haben auch nie eine Rechnung bekommen. Sehr seltsam das Ganze.  

Nur manchmal, wenn das Kaminfeuer ganz besonders schön brennt, zieht immer noch dieser eigenartige Geruch nach gebratenem Speck durchs Haus. Nicht unangehnem, nein, gar nicht. Seltsam halt, aber so alte Häuser haben ja immer ihren eigenen, individuellen Charakter. Und Gerüche. Davon lassen wir uns unsere gute Laune nicht verderben. 

Es gibt wirklich nichts Schöneres an einem kühlen Abend als ein warmes, gemütliches Kaminfeuer.

 

Glatteis

 

Wir leben in einem winzigen Dorf im beschaulichen Odenwald. Sozusagen am Arsch der Welt. Nix los hier, keine Infrastruktur, keine Industrie, aber wir haben einen Pfarrer und einen Gasthof, immerhin. Fünfundsiebzig Prozent der Dorfbewohner sind arbeitslos. Wir nagen keinesfalls am Hungertuch, aber an dem, was Haus und Hof so zu bieten hat. Das Leben ist nicht so berauschend, aber was will man machen. Arbeitslos auf dem Land ist immer noch besser als in der Stadt. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, einer hilft dem anderen, keiner wurde jemals im Stich gelassen. 

Seit auf der Autobahn gebaut wird, ist es mit unserem beschaulichen Leben vorbei. Die Umleitung geht mitten durch unser Dorf. Tausende Lastwagen und PKW wälzen sich über unsere Dorfstraße, verstänkern unsere gute Landluft. Eigentlich bin ich ja schon tolerant, aber seit meine Katze überfahren wurde, bin ich stinksauer. Sagt doch dieser Großkotz von Mercedes-Fahrer zu mir Mach dir nichts draus, Alter, haste schon einen Fresser weniger“ und gibt wieder Gas. 

Bis zum Frühjahr soll diese Umleitung noch dauern, das kann ja nett werden im Winter. Bei uns ist es immer früher kalt als im Flachland, drunten an Rhein und Neckar.  

Und es kam, wie es kommen musste. Eines Nachts im November, es hat schon Minusgrade, ein fürchterlicher Knall und ein höllisches Geschepper. Hängt mir nicht einer dieser Kamikaze-Fahrer in der Gartenmauer?   

Das Häuschen, in dem ich mit meiner Familie lebe, steht in einer lang gezogenen Rechtskurve. Schon die Großeltern haben hier gewohnt, aber so was ist hier noch nie passiert.  

Wir rennen alle raus, versuchen zu helfen, aber leider, die Karre ist hin. Benzin läuft über die Straße, zwei Reifen platt, aber wenigstens ist dem Fahrer nicht viel passiert. Beule am Kopf, der Airbag hat nicht ausgelöst. Ein paar Tage Kopfweh, schätze ich mal, geschieht ihm recht.  

Krankenwagen brauchen wir also keinen. Ich rufe meinen Neffen an, der hat eine kleine Autowerkstatt und ist sicher dankbar für ein wenig Arbeit. Übernachten kann er ja im Gasthof, mein Cousin hat sicher noch ein Zimmer frei.  

Die Polizei will der Kerl nicht rufen, er ist froh, dass wir ihm helfen. Wenn ich richtig gerochen habe, verdaut er gerade ein paar Bier. Am anderen Tag lässt er sich abholen, drückt mir tausend Euro in die Hand. Für die Gartenmauer.  

Ein paar Tage später, kaum stand die Mauer,  das gleiche Elend wieder.

Geschepper, Getöse und wieder hängt einer in meiner frisch aufgestellten Mauer.  Ein Riesenschiff von einem BWM, mit Häkel-Hut und Wackel-Dackel auf der Ablage. Aus dem Auto krabbelt ein altes Hutzel-Männchen, bestimmt weit über achtzig, sein fossiler Drachen bleibt heulend im Auto sitzen. Was ist denn passiert? Was ist denn passiert?“ murmelt er vor sich hin und starrt fassungslos auf seinen Schrotthaufen.  

Wir haben die beiden im Gasthof untergebracht, während mein Neffe das ehemalige Auto abschleppt. Ich hoffe doch sehr, dass den Alten nicht der Schlag trifft nach dieser Aufregung.  Meine Gartenmauer? Da sind wieder tausend Euro fällig. Erst wollte er nicht bezahlen, der alte Geizkragen, aber der Wink mit der Polizei und der Hinweis, dass er wohl zu schnell gefahren sei, hat seinen Widerstand gebrochen. Neffe Peter hat die beiden am anderen Tag zum Bahnhof gebracht, gegen Bezahlung natürlich.  

Dieses Mal habe ich die Steine der Mauer nur aufeinander gesetzt, ich habe das sichere Gefühl, das war nicht das letzte Mal. Unnötige Arbeit will ich mir keine machen,  da denke ich sehr effizient.  

Neffe zufrieden, der Cousin zufrieden und meine Olle kann sich endlich das tolle Pelzjäckchen bestellen, das sie sich schon so lange wünscht. Ich werde mir jetzt eine Digitalkamera kaufen. Es kann ja sein, dass eines der Unfallopfer ein Erinnerungsfoto will.  Für zwanzig Euro oder so.   

Aber eines darf ich nicht vergessen. Wir brauchen unbedingt einen längeren Gartenschlauch. Es ist schon sehr lästig, mit der kleinen Kanne die ganze Kurve abzugießen.  

 

Frische Kräuter

 

Ich sah auf meinen Kalender. Jetzt war es genau 5 Wochen her, dass er mich das letzte Mal besucht hatte, sein letzter Anruf war auch schon vor über zwei Wochen. Nicht, dass mir das was ausgemacht hätte, überhaupt nicht. Wenn ich an ihn dachte, das war sozusagen stündlich, dann war in mir die tiefe Überzeugung, dass unsere Liebe praktisch unzerstörbar ist, schließlich kannten wir uns ja schon 25 Jahre. In dieser Zeit lernt man einen Menschen kennen, mit allen seinen schönen und weniger schönen Seiten.   

Ich habe mir überhaupt keine Sorgen gemacht. Wie hätte ich auch nur denken können, seine Gefühle für mich hätten sich geändert oder er wollte sich aus unserer so seltsamen Beziehung lösen. Nein, niemals. Niemals hätte er mich absichtlich so sehr verletzen wollen, er wusste ja nur zu gut, wie sehr ich immer auf ein Lebenszeichen von ihm gewartet habe und wie sehr ich mich freute, wenn er alle paar Wochen mal ein paar Stunden Zeit für mich hatte.  

Ich wusste ja, seine Zeit war sehr knapp bemessen. Er war schon seit ein paar Jahren in Pension und zusammen mit seiner Frau musste er sich den Tag schon gut einteilen, damit er über die Runden kam. Da gab es natürlich auch noch seine Arbeit in den verschiedenen Vereinen und ich konnte schon sehr gut verstehen, dass er da nicht immer die Zeit fand, um mich zu besuchen oder mal zu telefonieren. Ich hatte sehr viel Verständnis für seine Situation und ich war niemals böse, wenn ich wochenlang auf ihn warten musste.   

An den Wochenenden war ich sehr gerne allein. Speziell die Samstage genoss ich so richtig, wenn ich abends gemütlich auf den Coach lag und mir ein paar DVD`s reinzog. Manchmal hatte ich so traurige Filme eingelegt, dass ich stundenlang weinen musste. Gott sei Dank wusste er das nicht, sonst hätte er sicher ein wenig mit mir geschimpft. Ich hätte mir ja auch was Lustiges aussuchen können. Ich war sehr froh, dass er wenigstens zusammen mit seiner Frau was unternommen hat. Ich wollte nur, dass er glücklich war, an was anderes hätte ich nicht mal denken wollen.

Auch meine Urlaube habe ich sehr genossen. Ich hatte unendlich viel Zeit für mich selbst und eigentlich konnte ich immer alles machen, wann und wie ich es wollte. Ich fand es toll, wenn ich unterwegs war und die vielen Paare beobachten konnte, die sich wegen irgendwelchen Kleinigkeiten aufs Übelste beschimpft hatten. Das konnte mir und meinem Schatz nicht passieren, er war ja nie dabei.   

Jetzt wurde ich doch etwas unruhig, weil ich schon so lange nichts von ihm gehört hatte. Er war doch hoffentlich nicht krank?  Sicher lag er im Bett und hatte bisher einfach keine Gelegenheit, mich anzurufen. Ganz bestimmt verging er fast vor Sehnsucht nach mir, genau wie ich nach ihm. Eigentlich sollte ich was unternehmen. Wie wäre es denn, wenn ich ihm zur Aufmunterung meinen Geschichts- und Gedichtsband schicken würde? 

Ich schreibe sehr gerne und das letzte Jahr hatte ich ausgiebig genutzt, um alles, was meine Seele berührt hat, in schöne und anschauliche Worte zu fassen. So sind Gedichte entstanden, die sehr genau beschrieben, was mein Herz gerade so gefühlt hat. Ich hatte Geschichten geschrieben, die meine Situation detailliert beschrieben haben und ich denke heute noch, so manches ist mir wohl sehr gut gelungen. Bislang hatte ich ihm das alles noch nicht zum lesen gegeben. Ich dachte, er freut sich sehr, wenn ich ihm jetzt meine gesammelten Werke schenke, immerhin ist er ja eine der Hauptpersonen in meinen Schriften.  

Ich war immer sehr vorsichtig und ich habe niemals reale Namen oder Orte benutzt, um ihn oder mich ja nicht zu kompromittieren. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass möglicherweise jemand, der ihn oder mich kennt, Rückschlüsse auf die Realität hätte nehmen können. Aber das wäre schon ein blöder Zufall gewesen, wenn so was passiert wäre. 

Meine Kollegen und Kolleginnen sind meine eifrigsten Leser und sehr begeistert von meinen literarischen Kunststücken. Deshalb hatte ich mich entschlossen, meine Sammlung in einen kleinen Band binden zu lassen. Manchmal braucht man eben ein Geschenk, um jemandem eine Freude zu machen. So ein persönliches Geschenk ist ja auch immer was ganz Besonderes. In kleiner Auflage lagen nun meine Geschichten und Gedichte als Bändchen bereit. Was machte es schon, dass ich meine Rücklagen deutlich schrumpfen musste, für meine Freunde war mir wirklich noch niemals etwas zuviel. Also hatte ich eines der Bändchen nett verpackt und abgeschickt. Natürlich ohne Begleitschreiben, ich musste ja damit rechnen, dass es möglicherweise in falsche Hände geraten könnte. Nichts lag mir ferner, als ihm in irgendeiner Weise schaden zu wollen.  

Ich hatte es an die Eheleute adressiert, damit seine Frau nicht auf falsche Gedanken kommt, wenn der Briefträger ein Päckchen für ihn bringt. Natürlich ohne Absender und da ich unter Pseudonym schreibe, konnte eigentlich gar nichts passieren. War das nicht außerordentlich clever von mir?  Es hätte mich natürlich schon sehr interessiert, ob ihr meine Gedichte und Geschichten auch gefallen haben, aber möglicherweise hat sie ja keinen Sinn für Lyrik und Prosa. Na, dann könnte ich es auch nicht ändern, den guten Willen hatte ich jedenfalls gezeigt.  

Mein Schatz und ich hatten eine gemeinsame Bekannte. Von ihr habe ich dann erfahren, dass es ihm leider gar nicht so gut gegangen ist. Eigentlich hätte man fast schon sagen können, dass der Haussegen in extremer Schräglage hing. Durch irgendeinen komischen Zufall ist sie ihm wohl auf die Schliche gekommen, hatte gemerkt, dass es mit seiner ehelichen Treue nicht so weit her war. Verstehe ich gar nicht, wir waren doch immer so vorsichtig. Ich hatte ihn niemals zu Hause angerufen und meine SMS per Handy immer zu solchen Zeiten abgeschickt, wo ich wusste, dass es ungefährlich war. Und an meinem Buch lag es ganz sicher nicht. Sollte es da noch eine Andere gegeben haben, die nicht so liebevoll und vorsichtig war wie ich? 

Na, wenn es ihm nicht so gut ging, da sollte ich ihm vielleicht auch seine Uhr zurück schicken, die er irgendwann im Sommer mal bei mir vergessen hatte. Ich wusste, dass er sehr an dieser Uhr hing. Ich hätte sie zwar gerne als Erinnerung behalten, aber was macht man nicht alles, um seinem Liebsten eine Freude zu bereiten. Mir blutete das Herz, als ich die Uhr sehr vorsichtig in Seidenpapier verpackt habe, damit ihr auf der Reise nur ja nichts passiert. Damit sie stabil im Umschlag lag, habe ich als Unterlage, ich hatte gerade nichts anderes zur Hand, ein Bild von uns beiden genommen, das uns in sehr inniger Umarmung zeigt. Ich war auf diesem Bild leider nicht sehr deutlich zu sehen, weil von hinten, er dafür umso besser, weil von vorne. Die Uhr habe ich mit Tesastreifen auf dem Bild befestigt, damit ja nichts verrutscht. 

Ich fuhr das Auto aus der Garage, um das Päckchen zur Post zu bringen. Und da ist mir doch tatsächlich ein Missgeschick passiert. Anscheinend war mir das Päckchen versehentlich auf den Boden gefallen, denn als ich rückwärts aus der Garage gefahren bin, habe ich es leider ganz unbeabsichtigt überrollt. Die wertvolle Uhr war jetzt  etwas flacher als sie ursprünglich mal war, aber wenn sie ihm tatsächlich so viel wert ist, wird ihm das Wichtigste sein, er hat sie wieder. Es tat mir wirklich schrecklich leid, aber solche dummen Zufälle passieren halt manchmal, mir ganz besonders oft. Da man sehr deutlich die Reifenspuren auf dem Umschlag sah, wusste er sicherlich, dass es wirklich nur ein Missgeschick war und keine Absicht. 

Ich glaube, mein anfänglicher Verdacht, er könnte krank sein, war gar nicht so verkehrt. Von meiner Bekannten habe ich später erfahren, dass er als Notfall mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Mein Herz weinte bittere Tränen, wie gerne wäre ich jetzt bei ihm gewesen, um ihn zu trösten und ihm zu sagen, dass es nichts auf der Welt gab, das ich mehr liebte als ihn. Ich war total verzweifelt, ich konnte ihn noch nicht mal besuchen, ein Zusammentreffen mit seiner Frau wäre eine Katastrophe und seinem Gesundheitszustand sicher nicht zuträglich gewesen. 

Ich dachte, schicke ihm doch wenigstens ein paar Blumen.

Baccara-Rosen sind zwar sehr teuer, aber für ihn ruiniere ich mich gern. Ich ging in den Blumenladen und ließ ihm per Fleurop 25 Stück ins Krankenhaus schicken, für jedes Jahr eine. Ohne eine kleine Karte ging es natürlich nicht, ich wählte eine aus, auf der ein rotes Herz abgebildet war und ich schrieb ihm noch ein paar nette, zärtliche Worte dazu. Darüber hatte er sich sicherlich sehr gefreut, so konnte er wenigstens sicher sein, dass ich immer noch in Liebe an ihn dachte und ihm nur das Allerbeste gewünscht habe.  

Nach dem Krankenhaus wurde er in eine Kurklinik verlegt. Bei mir hatte er sich immer noch nicht gemeldet, weder persönlich noch telefonisch. Das zeigte doch überdeutlich, welch unerschütterliches Vertrauen er in unsere Beziehung hatte. Er wusste halt, dass ich ihn über alles liebte, egal was passiert ist oder welche Probleme es zu überwinden galt. 

Es gab mehrere große Leidenschaften in meinem Leben. In allererster Linie natürlich er, es gab einfach nichts Wichtigeres. Meine zweite große Leidenschaft waren die heimischen Wald- und Wiesenkräuter, aus denen ich Tinkturen und Salben herstellte. Diese Leidenschaft habe ich heute noch. Meine Tinkturen und Mischungen hatten schon vielen Menschen geholfen, sicherlich konnte ich auch ihm helfen, seine Krankheit zu überwinden. Manche Kräuter sind hoch giftig, da muss man bei der Herstellung sehr vorsichtig sein, genau arbeiten, damit nichts schief geht. Zwischen Heilung und Vergiftung liegen manchmal nur ganz wenige Gramm, da muss man ganz diffizil aufpassen und dosieren, damit man die gewünschte Wirkung erzielt. Also habe ich Bücher gewälzt, Pflanzen, Blüten und Wurzeln getrocknet, um eine richtig schöne Medizin herzustellen. In meinem Garten wuchsen sehr gesunde, hochgradig wirksame Pflanzen, ich musste nicht lange suchen. 

Und so war ich mutig, hatte ihn in der Kurklinik besucht. Zwischenzeitlich war es schon Monate her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten, aber ich wusste, seine Sehnsucht war genauso groß wie meine. Ich fand es sehr vernünftig, als er gegen Ende meines Besuches vorschlug, dass wir uns jetzt eine Weile nicht sehen sollten, bis Gras über das ganze Durcheinander gewachsen war. Ich hatte immer viel Verständnis für seine Probleme, wie gesagt, sein Wohl lag mir näher am Herzen als mein eigenes. Und er hatte sich natürlich sehr gefreut, dass ich ihm als Zeichen meiner Liebe seine Lieblingspralinen mitgebracht hatte, er aß gleich ein paar und er sagte zu mir: Für Marzipan-Pralinen könnte ich sterben.“  

Bisher hatte ich ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen, warum sollte sich daran etwas ändern? 

Neulich war ich auf dem Friedhof. Ich gehe regelmäßig einmal die Woche hin, lege ihm ein paar Blumen auf sein Grab und unterhalte mich ein wenig mit ihm. Es tut mir unendlich leid, dass er solche fürchterlichen Herzprobleme hatte und von mir gehen musste. Wir hätten sicherlich noch so manche glückliche Stunde miteinander verbringen können. Im nächsten Leben sehen wir uns bestimmt wieder, ich glaube, wir waren noch nicht fertig miteinander. Noch lange nicht! 

Was mich sehr ärgerte, war die Tatsache. dass irgendjemand immer meine Blumen vom Grab entfernt hat. Man darf ja nicht immer gleich das Schlechteste denken, möglicherweise waren sie welk, ich kam ja nur einmal wöchentlich. Sei es drum, ich bringe jede Woche einen frischen Strauss, ich glaube, das bin ich ihm schuldig und ja, ich liebe ihn immer noch sehr. 

Kürzlich habe ich die Witwe kennen gelernt. Wir haben uns rein zufällig beim Yoga getroffen, uns ein bisschen angefreundet. Sie scheint über den schmerzlichen Verlust ganz gut weggekommen zu sein, geht oft auf Reisen und macht das Beste aus ihrer Situation. Sie erzählt mir viel von ihrem Mann, hat großes Vertrauen zu mir. Sie kann nicht so gut schlafen, hat sie mir erzählt. Sie hätte ein schlechtes Gewissen, da sie mit ihrem viel zu früh verblichenen Ehemann vor seinem unglücklichen Ableben ziemlich heftig gestritten hatte. Warum, wollte sie mir allerdings nicht sagen. Macht nichts, das geht mich als Fremde ja auch nichts an.  

Ich denke, ich kann ihr helfen, ich habe da ein sehr gutes Rezept. Ich habe wahnsinnig viel Mitgefühl für sie, sie tut mir unglaublich leid! Ich werde ganz speziell für sie einen wunderbar wirksamen Baldrian-Wein herstellen, der ihr todsicher den tiefsten, ruhigsten und längsten Schlaf bringen wird, den sie jemals hatte.  

Und, was mir gerade noch einfällt, haben die beiden nicht einen Sohn?

 

Mondlicht

 

Ein lauer Sommerabend. Soeben sind die letzten Sonnenstrahlen am Horizont versunken, eine leichte Röte überzieht noch den Abendhimmel. Schon sind die ersten Sterne zu sehen, schwach noch, doch schon das Versprechen auf das faszinierende Funkeln und Glittern an einem nachtblauen Himmel. 

Das Zwitschern der Vögel ist verstummt. Geborgen in ihren Nestern warten sie auf den Morgen, der die Dunkelheit verdrängt. Jetzt ist die Zeit für anderes Leben. Leben, das die Dunkelheit sucht, das nicht im Hellen leben kann. Huschende Schritte, geheimnisvolles Flüstern ist zu hören, die Geschöpfe der Nacht erwachen aus ihrem Schlaf. 

Luise geht langsam ans Fenster, an ihrer Seite der braun-schwarz gefleckte Hund, der nie mehr als ein oder zwei Meter von ihr entfernt ist. Zusammen stehen sie am Fenster, schauen in die aufsteigende Dunkelheit. 

Sieh doch, Wolf, der Mond ist voll. Ist das nicht schön, wie er gelb und strahlend über dem Wäldchen steht?“ 

Der Hund drückt sich an die Seite des zierlichen jungen Mädchens, ein warnendes Knurren kommt aus seinem Maul. Die Lefzen hochgezogen. Ein scharfes und bedrohliches Gebiss ist zu sehen.  

Ob er heute wieder kommt? Dieser Mann? Ob er wieder die Gitarre dabei hat?“ 

Luise ist voll Vorfreude. Etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles zieht durch ihren Körper. Sehnsucht, der Wunsch nach Liebe, Begehren nach Etwas, das sie nicht kennt. Alles konzentriert sich auf diesen jungen Mann. Er, der dunkel und fremdartig seit mehreren Nächten am Waldrand zu sehen ist. Groß, schlank, von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Den Blick aus seinen untergründlichen Augen spürt sie mehr, als dass sie ihn sieht. Zauberhaft sanfte Melodien zupft er aus seiner Gitarre, die Töne fliegen wie kleine, bunte Vögel in ihr Ohr.  

Luises weißes Mussolin-Kleid raschelt, als sie sich seufzend an das alte Frisier-Tischchen setzt. Auf kleinen gehäkelten Deckchen steht alles, was das Herz einer jungen Dame begehrt. Kleine Porzellan-Töpfchen, gefüllt mit duftenden Inkredenzien. Gläserne Phiolen, gefüllt mit sinnlichen Düften. Goldene Bürsten, Haarspangen  und Kämme. Luise setzt sich vor den Spiegel. Betrachtet ihr Gesicht, die bis zur schmalen Taille hinabwallenden blonden Locken. Ob er wohl Gefallen an ihr findet? Minutenlang bürstet sie die Haare, bis sie glänzen wie der volle Mond, der jetzt am Himmel strahlt. Große blaue Augen mit einem dichten Wimpernkranz betrachten das eigene Spiegelbild. Ihre Finger fahren über die vollen, roten Lippen. Ja, sie ist schön. Sie streicht dem großen Hund, der sich neben ihr auf dem Boden ausgestreckt hat, liebevoll über den Kopf. 

Ganz weit und doch so nah dringt plötzlich sanfte Gitarrenmusik in ihr Bewusstsein. 

Komm, Wolf, heute Nacht wollen wir es wagen. Lass uns diesen Fremden suchen. Ich will in seine Augen sehen, will wissen, ob er das gleiche für mich empfindet wie ich für ihn.“ 

Wieder knurrt der Hund, als wolle er sagen, geh nicht, es ist gefährlich. Draußen wartet das Verderben. 

Zögerlich nimmt sie einen seidenen Umhang, legt ihn wieder ans Fußende des Bettes. Die Nacht ist lau, der Duft der Rosen liegt schwer über dem Garten. Ihr Kleid schwingt locker und leicht um die zierlichen Knöchel, die Taille eng geschnürt, der kleine Busen drückt aus der engen, spitzenbesetzten Korsage. Sie trägt keinen Schmuck außer dem kleinen, filigran gearbeiteten Amulett, das ihr die Mutter auf dem Sterbebett geschenkt hat. 

Langsam geht sie durch den Garten, hin zum Waldrand. Dorthin, wo er auf sie wartet, der geheimnisvolle, dunkle Mann. Er spricht kein Wort, breitet eine Decke aus, auf der sie sich seufzend niederlässt, den Hund an ihrer Seite.

Er spielt nur für sie, singt leise und verlockend fremdartige Lieder, die ihr Schauer über den Rücken jagen. 

Er singt von Liebe, von geheimnisvollen Berührungen zweier Körper, von streichelnden Händen, die ihren Leib in eine andere Welt führen. Von Küssen,

von Lippen, die zärtlich und gierig ihren Mund suchen. Sie ist gefangen im Zauber seiner Melodien. 

Die Musik verstummt, mit langsamen und lasziven Bewegungen kommt er auf sie zu, legt sich neben sie auf die Decke. Sein dunkler Blick senkt sich tief in ihre blauen Sterne, seine Arme ziehen sie zärtlich an sich. 

Sie sieht auf ihn hinunter, sieht das Lächeln auf seinen Lippen. Wie unter Zwang berührt ihr Mund seine Augen, streift über die Wangen, verweilt für einen himmlischen Augenblick auf seinem Mund. Weiter, ihre Arme umschlingen ihn fest. Ihr Mund erreicht die pulsierende Stelle an seinem Hals. Sie fühlt das heiße, drängende, klopfende Leben an ihren Lippen.  

Endlich wird ihre tiefe Sehnsucht erfüllt. Kleine spitze Zähne graben sich in seinen Hals, köstlich süßes Blut füllt ihren Mund. Luise blickt in seine dunklen Augen. Sie sieht, wie ein erstes Entsetzen sich wandelt in stumme Ergebenheit. Fühlt, wie das Leben aus ihm schwindet, spürt, wie eine geheimnisvolle Kraft in ihr aufsteigt, wie altes Wissen machtvoll an die Oberfläche dringt.  

Sie spürt fremde Blicke. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, stehen am Fenster des Hauses, beobachten das grausige Geschehen unter dem Schein des vollen Mondes. 

Sie ist erwacht“. Zufrieden lächelt nimmt der alte Mann die Frau am Arm, verschwindet mit ihr in der Dunkelheit. 

 

 

Schuldig

 

Der Verstand plant, doch der Geist hat Sehnsucht.

Und das Herz weiß, was das Herz weiß.

Stephen King 

 

Morgen. Morgen ist der letzte Tag meines erbärmlichen Lebens. Vier Uhr dreißig. Ich werde sterben. Hingerichtet für eine Tat, die ich nicht begangen habe. Für die ich keine Schuld trage, aber für die ich schuldig bin. Ich fürchte mich nicht. Nicht mehr. Nicht nach dem gestrigen Abend. Dieser Abend, der mir alles genommen hat. Der mir nichts mehr ließ als die Erkenntnis, dass ich verloren bin, alles vergeudet habe, an das ich jemals glaubte.  

Das Gespräch mit dem Geistlichen habe ich abgelehnt. Ich bin kein Atheist, habe mich allerdings auch nie mit spirituellen Dingen auseinandergesetzt. Gelegentlich habe ich an Weihnachten zusammen mit der Familie die Kirche besucht. Auf Druck meiner Frau natürlich. Vermeidung unnötiger Auseinandersetzungen nennt man das wohl. Jetzt, einen Tag vor meinem angeordneten Abgang erscheint es mir lächerlich, Vergebung für mein sündiges Leben erbitten zu wollen. Der alte Mann da Oben hat bestimmt Besseres zu tun, als sich um Todeskandidaten des Staatsgefängnisses Rock Hill in South Carolina zu kümmern. Uneinsichtige Todeskandidaten, die ihre Unschuld beteuern. 

Nächsten Sonntag habe ich Geburtstag. Den ich nicht mehr erleben werde, weil der Tod auf der Überholspur ist.  Mein ganzes Leben habe ich in Rock Hill verbracht, war ein angesehener Mann. Beschäftigt bei der Staatsbehörde, ehrenamtlich tätig in verschiedenen Vereinen. Kein Hund würde mehr ein Stück Brot von mir nehmen. Ich habe es verdient. 

Meine Frau Linda habe ich auf dem College kennen gelernt. Sie war nicht meine große Liebe, das kann ich nicht sagen, aber ich mochte sie gerne, ich habe sie respektiert und geachtet. Warum ich sie geheiratet habe? Nun, Linda hatte Geld. Mehrere Grundstücke und Häuser. Mir als mittellosem, jungem Mann hat das natürlich imponiert. Liebe macht nicht satt und ein gut gefülltes Bankkonto lässt dich nachts gut schlafen.  

Also habe ich sie geheiratet. Zwei Jahre später kam unser Sohn Marc zur Welt. Linda hat ihr Kunst- Studium aufgegeben, war zufrieden als Hausfrau und Mutter. Ich war zufrieden mit ihr als Hausfrau und Mutter. Mit ihren weiblichen Qualitäten allerdings nicht. Sexualität war ihr zuwider. Zweimal monatlich kam sie ihren ehelichen Pflichten nach. Das hatte sie wohl in einer ihrer Frauenzeitschriften gelesen, dass man als gute Ehefrau den Ehemann zu beglücken hätte, sonst wäre man keine gute Frau. Und eine gute Frau wollte sie ja sein. Also fanden alle zwei Wochen die samstäglichen Beischlaf-Rituale statt. Ehefrau des Monats würde sie niemals werden. Bestimmt nicht.  

Marc durfte an diesen Tagen bei der Großmutter übernachten. Nach dem Abendessen, ich kann es heute noch hören, sagte sie stets zu mir: 

Ich gehe jetzt ins Bad. Lass mir eine halbe Stunde Zeit, dann kannst du nachkommen.“   

Wenn ich dann ins Schlafzimmer kam, war alles bereit. Dämmerige Beleuchtung, das Bett aufgeschlagen, Linda im langen Nachthemd im Bett, die Beine züchtig nebeneinander. Auf dem Nachttisch eine Flasche Wasser, Gleitcreme und ein Päckchen Kondome. Sie fühle sich so beschmutzt bei Sex ohne Kondom, sagte sie immer, sie könne den Geruch auf ihrem Körper nicht ertragen.  

Der zweite Standard-Satz war: Hast du die Zähne geputzt?“ Was für eine unnötige Frage. Küssen durfte ich sie ohnehin nicht.  

Das Nachthemd hatte sie immer anbehalten. Nie durfte ich sie richtig nackt sehen. Wir sind doch keine Tiere“, sagte sie immer, der Herrgott will, dass wir unsere sündige Nacktheit voreinander verbergen“. Ich fand mich damit ab, nach zehn Minuten war ohnehin alles vorbei. Anschließend sprang sie sofort aus dem Bett, ging unter die Dusche, schruppte alles von sich herunter, was nur im geringsten nach ehelichem Zusammensein riechen könnte, zog ein frisches, wadenlanges Baumwollnachthemd an, rollte sich auf ihrer Seite des Bettes zu einer Kugel zusammen und schlief ein.

Ich war nicht unzufrieden. Kannte ja auch nichts anderes. Unser Sohn geriet prächtig, das Bankkonto war gut gefüllt. Was wollte ich mehr? Ich dachte, ich sei glücklich. 

Bis zu dem Tag, an dem ich Sarah begegnete. Ich sah ihr in die Augen und die Welt veränderte sich. Nicht, dass sie eine Schönheit gewesen wäre. Etwas mollig, lange dunkelbraune Haare mit dem Glanz reifer Kastanien. Das Schönste waren ihre Augen, braun mit kleinen grünen Flecken, umgeben von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern. Ich konnte ihre Seele in diesen Augen sehen, warm, tief, den Himmel verheißend.  

Wir haben uns auf den ersten Blick ineinander verliebt. Bei ihr konnte ich der Mensch sein, den ich sonst vor den Blicken der anderen verbarg. Sie war sanftmütig, aber auch sehr direkt und leidenschaftlich. Die gestohlenen Stunden, die wir miteinander verbrachten, waren Ausflüge in den Himmel oder in die Hölle. Manchmal sanft und zärtlich, manchmal heiß und gierig. Manchmal beides zusammen. Aber immer getragen von einer Welle der Liebe. Etwas Schöneres und Erfüllenderes hatte ich in meinem ganzen Leben nicht erfahren.  

Jahre vergingen. Trotz aller Liebe zu Sarah brachte ich es nie fertig, für klare Verhältnisse zu sorgen. Ich hatte Angst. Angst vor der Zukunft, Angst, meine Sicherheiten zu verlieren, Angst, meinen Status als geachteten Bürger der Stadt aufgeben zu müssen. Ich war ein feiger Hund und irgendwo war ich auch bequem. Sarah hatte mich nie gedrängt, war zufrieden mit den wenigen Stunden, die wir gemeinsam verbrachten. Ich wusste, dass sie litt. Manchmal sah ich den Schmerz in ihren Augen, aber ich wollte ihn nicht sehen. Was nicht sein kann, darf nicht sein. 

Und dann kam der Tag, an dem Linda von unserem Verhältnis erfahren hat. Meine Schuld, meine eigene, verdammte Schuld.  Die vielen, liebevollen SMS, die Sarah mir aufs Handy geschickt hatte, kleine selbst verfasste Gedichte und Sprüche, brachten das Gebäude der Lügen und des Betruges zum Einsturz. Ich hätte sie löschen sollen. Aber ich hatte sie so gerne gelesen. Immer und immer wieder. Witzige, freche, erotische Sätze, die an unsere Schäferstündchen erinnerten. Als ich an diesem Tag bemerkte, dass ich das Handy zu Hause vergessen hatte, war es schon zu spät.  

Linda konnte der Versuchung nicht widerstehen, hatte alles gelesen. Sie sprach nicht viel: Gib dieses Verhältnis auf oder ich mache dich zum Bettler. Ich sorge dafür, dass kein Mensch dieser Stadt noch ein Wort mit dir spricht. Ich mache dich so fertig, dass du dir wünschen wirst, du wärst niemals geboren worden. Gib mir hier und heute dein Ehrenwort, dass du diese Schlampe, dieses geile Flittchen, nie mehr sehen wirst und ich will dir noch eine Chance geben.“   

Ich war ein Schwein. Und ein Verräter. Ich habe das Beste, was mir jemals im Leben begegnet ist, weggeworfen wie einen verfaulten Apfel. Für Geld, Sicherheit und ein finanziell sorgenfreies Leben. Bezahlt habe ich mit der ungestillten Sehnsucht in meinem Herzen. Ich konnte Sarah nicht vergessen, ich trug ihr Brandzeichen im Herzen.  Und ich habe einen verdammt schlechten Handel gemacht. Linda sorgte nach wie vor gut für unseren Sohn und war eine vorbildliche Hausfrau. Berühren durfte ich sie nicht mehr. Sie würde sich vor mir ekeln, sagte sie. Der Geruch der Schlampe würde mich umhüllen wie eine zweite Haut. Finanziell wurde alles auf ihren Namen überschrieben, außer dem Haus, das wir bewohnten und das von meinem Verdienst finanziert wurde. 

Sarah war am Boden zerstört. Sie, die immer so stark und gelassen war, brach vollständig zusammen. Sie erkrankte an einer schweren Depression, wurde monatelang in einer Klinik behandelt. Ich hatte sie nie wieder gesehen, nicht bis gestern Abend.  

Als Marc achtzehn wurde, hat sich Linda in der Küche erschossen. Selbstmord. Dachte ich wenigstens. Mit einem Revolver, den ich vor Jahren gekauft hatte, weil in der Nachbarschaft mehrere Einbrüche stattfanden. Eine Nachbarin wurde schwer verletzt, als sie die Einbrecher überraschte. Wir fühlten uns sicherer mit der Waffe im Haus.  

Zwei Tage später wurde ich verhaftet. Auf der Waffe fanden sich nur meine Fingerabdrücke. Für die Tatzeit hatte ich kein Alibi, da ich joggen war. Alleine. Bei einer Hausdurchsuchung wurde Lindas Tagebuch gefunden. Diese Frau hat mich gehasst, wie sehr, wurde mir erst klar, als mein Anwalt mir Teile daraus vorgelesen hatte. Nichts entsprach der Wahrheit. Ich hätte sie betrogen, immer wieder, sie geschlagen, gedroht, ich würde sie umbringen, wenn sie mich verlassen würde. Ein Krankenhausbericht tauchte auf. Von damals, als Linda bei Glatteis auf der Treppe gestürzt war. In ihrem Tagebuch hatte sie geschrieben, ich hätte sie verprügelt und die Treppe hinunter geworfen.  

Ich konnte mich nicht verteidigen, niemand hatte mir geglaubt. Jedes Indiz sprach gegen mich. Selbst mein Einwand, ich hätte der toten Linda im ersten Effekt die Waffe aus der Hand genommen, wurde verworfen. Weil außer meinen Abdrücken keine anderen, auch nicht Lindas, auf der Waffe gefunden wurden.  

Das Urteil der Jury war einhellig, Schuldig. Schuldig, meine Ehefrau heimtückisch ermordet zu haben. 

Mein Sohn Marc spricht nicht mehr mit mir, er hält mich für einen Mörder. Alles, was ich besaß, wurde mir genommen. Verachtung schlug mir entgegen, egal, wo ich war oder wer mir begegnete.  Es blieb mir nichts mehr. Kein Stolz, keine Ehre, kein Mitleid. Von Niemand. Noch nicht mal von mir selbst. 

Die Todesstrafe war keine wirkliche Überraschung mehr. Tod durch die Giftspritze, Natriumpentothal und Pancuronicumbromid. Es würde schnell gehen, ich bräuchte nicht zu leiden. Was für ein Trost. 

Und dann die Überraschung gestern Abend. Meine Zellentür wurde aufgeschlossen. Ich hätte Besuch. Das ist der Vorteil, wenn man Todeskandidat ist. Man darf jederzeit Besuch empfangen.  

Sarah. Meine Sarah. Sie hatte sich kaum verändert. Immer noch diese glänzende Flut brauner Haare. Immer noch diesen Blick, der mir das Herz zerreißt. 

Wie geht es dir?“ 

Mir geht es gut. Weißt du, ich darf morgen sterben.“ 

Das ist gut. Ich sterbe seit 11 Jahren, jeden Tag ein Stückchen mehr. Aber ich muss weiterleben.“  

Ich schluckte an meinen Tränen. 

Verzeih mir, ich wünschte, ich könnte wieder gut machen, was ich dir angetan habe.“ 

Sie lächelte. Ein harter Glanz erschien in ihren Augen. 

Das brauchst du nicht, mein Lieber. Mein Schmerz wird vorbei sein, wenn ich dich morgen sterben sehe. Ja, sei nicht überrascht. Ich habe meine Beziehungen spielen lassen, ich bin eine der Zeuginnen bei deiner Hinrichtung.“ 

Ich liebe dich noch immer, Sarah. Ich habe alles falsch gemacht, aber glaube mir, ich habe Linda nicht umgebracht.“ 

Das weiß ich doch, Schätzchen. Es war mir ein Vergnügen, deiner Linda den Revolver an die Schläfe zu drücken. Der Schuss war wie eine Befreiung für mich. Den Griff zu reinigen war wie die Reinigung meiner Seele. Ich habe alles von mir abgewischt. Den Schmerz und dich. Und hast du dich nie über Lindas Tagebuch gewundert? Wo sie doch niemals gerne geschrieben hat? Selbst die Ansichtskarten aus dem Urlaub hast doch immer du verfasst, nicht wahr? Ich dagegen habe immer gerne geschrieben, das solltest du eigentlich noch wissen. Oder hast du das auch vergessen, so wie du vergessen hattest, wie sehr ich dich liebte?“ 

Sie lächelte erneut, doch das Lächeln erreichte nicht mehr ihre Augen. Sie stand auf, drehte sich noch einmal um für einen langen, Abschied nehmenden Blick und ging. 

Und so habe ich das Letzte verloren, an das ich noch geglaubt habe. Sarah und unsere unendliche Liebe. Liebe, aus der unendlicher Hass geworden ist. Ich bin schuldig. Nicht im Sinne der Anklage. Schuldig geworden an der Liebe und dem Leben. Ich habe den Tod verdient.

 

Witwe aus Leidenschaft

 

Vor einem halben Jahr habe ich geheiratet. An einem Freitag, den 13. Mal wieder, der vierte Versuch. Diesmal ist es für die Ewigkeit. Nicht, dass ich abergläubisch bin, überhaupt nicht. Eine meiner tiefsten Überzeugungen ist, dass jeder Mensch sein Leben selbst steuert, seine Entscheidungen trifft und dann versucht, das Beste daraus zu machen. Ja, das Beste. Nur dies steht mir zu.  

Dreimal sagte  ich bereits Ja“,  versprach, meinen  Mann zu lieben und zu ehren, bis der Tod uns scheidet. Dieses Versprechen hielt ich stets, aber was soll ich sagen? Alle verließen sie mich, allzu früh gingen sie von mir. Dreimal stand ich weinend am Sarg, musste schmerzlichen Abschied nehmen.

Uwe war mein erster Ehemann. Selbständiger Architekt, gute zwanzig Jahre älter als ich, die Liebenswürdigkeit in Person. Häschen“, sagte er nach der Hochzeit zu mir, Du musst doch nicht mehr arbeiten, ich verdiene genug für uns zwei. Ich möchte eine strahlende, frische und glückliche Frau, wenn ich nach Hause komme. Ich baue Dir ein Traumhaus, Du bekommst eine Haushaltshilfe, alles, was du willst. Nur versprich mir, dass Du mich ewig lieben wirst.“ Es war so leicht, ihn zu lieben, was bedeutet schon das Wort ewig“. Er las mir wirklich jeden Wunsch von den Augen ab, ich war seine Königin, sein ganzer Stolz.  

Er war sehr erfolgreich in seinem Beruf. Die Projekte, mit denen er beauftragt wurde, nahmen viel Zeit in Anspruch. Sein letztes Gebäude, das er entworfen und gebaut hatte, war ein Bürokomplex in Frankreich. Als die Anlage fast fertig war, lud er mich zu einer Besichtigung ein, dies ließ sich wunderbar mit einem Einkaufsbummel in Paris verbinden. Fünfundzwanzig Stockwerke, eine begrünte, mediterran bepflanzte Dachterrasse mit Pool, die Hausfronten aus dunklem Glas, es war wunderschön.  

Und dann dieses schreckliche Unglück, niemand kann sich bis heute erklären, wie es geschehen konnte. Niemand, außer mir. Ein kleiner Schubs genügte und mein Bärchen stürzte im freien Fall über die provisorische Mauerbrüstung  fünfundzwanzig Stockwerke in die Tiefe.  

Ich war eine schöne Witwe. Schwarz steht mir ausgesprochen gut. Mein schauspielerisches Talent wuchs im gleichen Maße wie mein Bankkonto. Lebensversicherung, Unfallversicherung, das bereits vorhandene Vermögen machten mich zu einer sehr, sehr reichen Frau. Das erste halbe Jahr trauerte ich gut sichtbar, ging täglich auf den Friedhof, lebte völlig zurückgezogen.  

Später ging ich auf Reisen, sah mir die Welt an. Ohne Begleitung natürlich, meine Rolle als  unglückliche Witwe ließ das nicht zu. Auf Mallorca kaufte ich mir ein kleines Häuschen mit sechs Zimmern, in der Schweiz eine Ferienwohnung. Es ging mir wirklich blendend.  

Doch nach ungefähr zwei Jahren packte mich eine gewisse Unruhe. Ich fühlte mich sehr alleine. Kurz vor meinem zweiunddreißigsten Geburtstag traf ich Helmut. Nach vier Wochen feierten wir Hochzeit.  

Helmut war natürlich auch sehr reich. Er arbeitete als Vermögensberater und - er war ein Gauner. Nicht, dass mich das gestört hätte. Wichtig ist, was hängen bleibt, sage ich mir immer. Die Art und Weise, wie Geld auf mein Konto kommt, ist mir völlig egal. Wer sich bei Geldgeschäften über den Tisch ziehen lässt, ist selbst schuld.  

Helmut liebte leidenschaftlich das Tiefseetauchen. Vier Mal im Jahr jetteten wir um die Welt, schipperten über die Meere. Natürlich bestand er darauf, dass ich ebenfalls tauchen lernte.  

Am liebsten suchte er nach versunkenen Schiffen. Der große Traum von der Schatzkiste!  Was meinst Du, Liebling, wenn ich wirklich mal den großen Fund mache, dann haben wir ausgesorgt.“  Ja, dachte ich für mich, das ist alles recht und schön, lass den Kindskopf träumen, es hat sich ohnehin bald ausgeträumt.  

Ich sorgte dafür, dass seine Sauerstoff-Flasche nur noch zu einem Viertel voll war, als wir das nächste mal auf Tauchgang gingen. Unten am Meeresboden lag das Wrack. Helmut war so begeistert, er wollte das Schiff natürlich auch gleich von Innen besichtigen. Ich versperrte die Luke hinter ihm  und wartete. Nach einer Stunde war der Fall erledigt. Ich musste nur noch die Luke öffnen, die Leiche aus dem Schiff ziehen, im Wasser treiben lassen. Fertig.  

Völlig aufgelöst tauchte ich zu unserem Schiff auf, rief gellend um Hilfe, schrie und tobte. Rettungstaucher schwammen sofort los, erst nach mehreren Tagen wurde er gefunden. Todesursache: möglicherweise Leichtsinn, vielleicht hatte er die Zeit unterschätzt. Jeder wusste von seiner Manie, stundenlang auf untergegangenen Schiffen den Schatzsucher zu spielen.  

Und so verlor ich auf tragische und schicksalhafte Weise nach nur einjähriger Ehe auch meinen zweiten Ehemann. Wieder schöpfte  niemand Verdacht,  zu gut spielte ich die Rolle der völlig verzweifelten Witwe. Die ersten Nächte träumte ich noch von ihm, anscheinend besaß ich doch noch einen kleinen Rest Gewissen. Das reichlich fließende Geld aus den Versicherungen sorgte allerdings sehr schnell und nachhaltig dafür, dass ich wieder traumlos schlief.  Im Trauern bin ich geübt, eigentlich tat er mir wirklich Leid, als  Ehemann und Liebhaber war er ganz brauchbar gewesen. Aber von Sentimentalität wird niemand satt. Zum Hungern und Sparen tauge ich nicht.  

Jetzt kam der Leichtsinn. Kaum fand Helmut im heimatlichen Friedhof seine letzte Ruhe, begann ich erneut die Suche nach einem potentiellen Ehemann und Sponsor. Nur sieben Monate nach Helmuts unglückseligem Tod heiratete ich Paul.  

Paul war Engländer, sehr dekadent und natürlich ausgesprochen reich. Seine Tochter aus erster Ehe lebte noch bei ihm. Das gestaltete das weitere Vorgehen etwas schwierig, denn dieses Mal würde ich das Erbe teilen müssen. Ich dachte, was soll der Geiz, es gab genug Hinterlassenschaft für uns beide. Dank meiner bisherigen Ehemänner konnte ich ohne Probleme großzügig sein. Paul war ein elender Langweiler. Seine Pfeifen und seine Windhunde waren das Wichtigste in seinem Leben. Ich konnte die Kläffer auf den Tod nicht ausstehen. Zwei, manchmal sogar drei Hunde wuselten ständig um ihn herum, sogar ins Schlafzimmer nahm er sie mit. Wenn Paul alle vier Wochen die Hunde ins Bad sperrte, wusste ich, jetzt sind wieder die ehelichen Pflichten dran. Auch in dieser Beziehung war Paul ein Langweiler, bereits nach fünf Minuten ließ er die Hunde wieder aus dem Bad.  

Wie wurde ich dieses Ekel bloß wieder los. Ich hätte mir das vor der Heirat überlegen sollen, aber Geld macht bekanntlich blind. Doch die Hölle hatte ein Einsehen. Als Paul mit seinen dämlichen Hunden, seiner noch dämlicheren Tochter zu einem Windhundrennen fuhr, ereilte ihn das Schicksal. Diesmal völlig ohne mein Zutun. Er fuhr wohl zu schnell,  verlor die Gewalt über seinen Wagen, prallte frontal auf einen Baum. Beide waren sofort tot, die Hunde auch. Was für ein Glück.  

Aber das Leben ist paradox. Diesmal verdächtigten mich alle, beim Tod meines Mannes und der Stieftochter nachgeholfen zu haben. Wochenlang verhörte  mich die Polizei, die Versicherungen verweigerten die Zahlung. Die Nachbarn schnitten mich auf offener Straße. Wo ich auch auftauchte, überall Getuschel und Gerede. Doch letztendlich konnte mir niemand etwas beweisen, ich war ja wirklich unschuldig.  

Ich war bedient von den Männern. Sie gaben mir ihr Bestes, mehr hatte ich nie gewollt. Ich ging nach Deutschland zurück und lebte ein geruhsames Leben.  

Bis ich Manfred begegnete. Ich bin jetzt fast fünfzig, sehe aus wie fünfunddreißig, dank regelmäßigem Sport, vernünftiger Ernährung und guter Pflege. Manfred ist Apotheker, dreißig Jahre alt. Er ist wahnsinnig in mich verliebt. Ein Bild von einem Mann, groß, dunkelhaarig, muskulös gebaut. Wenn er mich ansieht, bleibt mir die Luft weg. Wenn er mich berührt, geht die Tür zum Himmel auf. Als er um meine Hand angehalten hat, weinte ich tagelang vor Glück.  

Manfred wird bald die hiesige Apotheke von seinem Vater übernehmen. Er schmiedet große Pläne von einem neuen, modernen und innovativen Gesundheits-Center. Natürlich greife ich ihm finanziell unter die Arme, die wirkliche Liebe fragt niemals nach Geld. Geld besitze ich im Überfluss. Geld ist mir so gleichgültig geworden.  

Jetzt sind wir schon ein halbes Jahr verheiratet. Ich bin einfach nur glücklich.

Das Leben mit Manfred ist ein einziger Traum, aus dem ich nie mehr erwachen will. Wenn da nur nicht meine Magenprobleme wären. Seit einigen Wochen geht es mir sehr schlecht. Manfred macht sich große Sorgen um mich. Ständig kocht er Tee aus Kräutermischungen, die er speziell für mich zusammenstellt. Er stützt meinen Rücken, hilft mir beim Trinken, küsst zärtlich meine Stirn.  

Du wirst bald keine Schmerzen mehr haben, mein Engelchen“ tröstet er mich und ich glaube ihm jedes Wort.

 

Blind Date 

 

Nun ja, ich gebe es zu. Ich habe Liebeskummer. Alter schützt vor Torheit nicht. Wie wahr, wie wahr. Da sitze ich in meinem Wohnzimmer, höre die traurigsten Balladen und heule Rotz und Wasser.  

Das muss aufhören“, sagt meine Freundin Christiane. Du musst andere Menschen kennen lernen, neue Bekanntschaften machen, flirten auf Teufel komm raus. Wie willst du diesen Scheiß-Kerl jemals vergessen, wenn du nicht mehr unter die Leute gehst und zum Eremiten wirst.  Wir melden dich jetzt auf so einer Plattform an und du wirst sehen, die Männer purzeln nur so aus dem Bildschirm.“  

Ach du lieber Schreck. Ich und eine Partner-Börse. Das kann ja nicht gut gehen. Aber warum nicht, ich habe ja nichts zu verlieren. Und vielleicht? Möglicherweise? Könnte ja sein, oder nicht?  

Erst mal ein paar Bilder mit der Digitalkamera. Das war schon Schwerstarbeit, ein Bild zu finden, auf dem ich nicht dümmlich grinse, einfältig strahle wie ein Honigkuchenpferd oder aussehe, als sei ich gerade auf meiner eigenen Beerdigung. Außerdem musste die Beleuchtung des Öfteren korrigiert werden. Gutes Ausleuchten ist wichtig. schließlich sollen ja nicht meine Falten, sondern ein ansprechendes Antlitz zu sehen sein.  

Ein Profil muss erstellt werden. Das geht eigentlich schon in die Intimsphäre. Wie viele Kinder hast du, wie viele willst du noch? Wie soll dein Traumpartner aussehen?  Wie ist das Verhältnis zu deinen Eltern? Hast du Geschwister, wenn ja, wie viele und wie alt. Größe und  Gewicht sollen auch angegeben werden. Größe ist ja ok, will ja schließlich keine Zwerge anlocken. Gewicht? Die können mich mal. Jaja, ich weiß, ein bissel abspecken könnte nicht schaden, aber wisst ihr was? Eine große Seele braucht Platz und wer mich so nicht mag, der soll es eben lassen. Auf jeden Fall schreibe ich kein Gewicht da rein. Lieblingsfilme, Lieblingsbücher, Schulbildung, Hobby. Alles möglichst ausführlich, damit sich der eifrig hechelnde Sucher auch ein Bild machen kann. Das passt mir überhaupt nicht, komme mir schon vor wie in Hamburg hinter dem berühmten Glasfensterchen. Aber Christiane gibt keine Ruhe. Du machst das jetzt, stell dich nicht so an, ich  kann das Elend nicht mehr mit ansehen.“  

Wichtig. Ich richte mir noch eine neue Email Adresse ein, die anonym ist und keine Hinweise auf meinen Namen und Adresse gibt.  

Also gut, jetzt kann es losgehen. Jetzt bin ich da drin und trage das Schild um den Hals: ich will, brauche und suche einen Mann. Herrje, es fühlt sich so richtig falsch an.  

Aber man stelle sich vor. Hier kriege ich einen virtuellen Kuss, da klickt mich einer an, liest das Profil, drückt mich wohl entsetzt und uninteressiert wieder weg. Ich selbst zappe natürlich auch durch das männliche Angebots-Regal, aber ehrlich, es reißt mich keiner vom Hocker. Alle Altersklassen vorhanden. Meine strukturierte Seite meldet sich zu Wort. Ich führe jetzt eine Statistik. Altersstatistik mit 5-Jahres-Rahmen, angefangen bei 20 Lebensjahren. Alle, die meine Seite aufrufen und mein Profil lesen, werden gestrichelt. Auf die Anfragen der kaum volljährigen Knaben, ob ich mich denn mal verwöhnen lassen wolle, antworte ich immer mit den gleichen Worten: brauchst du eine Mama, soll ich dich adoptieren? Eine Antwort kommt meist keine mehr.   

Aber jetzt wird es ernst. Ein dunkelhaariger Mann aus Stuttgart macht mir seine Referenzen. Wir mailen ein paar Tage hin und her, chatten auch gelegentlich und es kam, wie es kommen musste, ich machte mich bereit für ein Blind-Date in einem Cafe in der Nähe meines Arbeitsplatzes.  

Er ist pünktlich, na immerhin schon was Positives. Chronisches zu-spät-kommen kann ich nicht leiden. Er sieht natürlich zwanzig Jahre älter aus als auf dem Bild, da hat er wohl getürkt. Er ist auch ein wenig krumm gewachsen, aber ich will mal nicht voreingenommen sein. Wir trinken Kaffee, die zweistündige Unterhaltung ist witzig und der Gesprächsfaden reißt nicht ab. Die Sache muss doch wohl einen Haken haben? Hat sie. Der Kerl ist verheiratet, sucht auf diesem Wege eine neue Bettgespielin. Danke, Hans, das brauche ich nicht, das hatte ich schon. Auf meine Frage, ob er denn schon viele Affären hatte, platzte die Bombe.

  Ich habe schon viele Frauen kennen gelernt, aber wenn ich sie frage, ob sie mir einen blasen wollen, sind sie alle nicht mehr interessiert.“  

Diese Erfahrung kann ich ihm bestätigen, ich stehe auf und gehe. Ja, Himmelarsch, was denken sich die Typen? Soll er doch in den Puff gehen. Aber klar, das kostet Geld. Mit mir nicht, liebes Hänschen. Ich wünsch dir alles Gute. Und Tschüs.  

Abends lasse ich wieder die Männer Revue passieren. Schau mir die Bilder an, schüttle resigniert mein weises Haupt. Manche graust es doch vor gar nichts. Da wird ein nackter Arsch präsentiert, mit so einem Schnürchen durch die Ritze. Wenn es wenigstens ein schöner Hintern wäre, knackig und fest. Nein, Falten, Speckschwarten und das eine oder andere Pickelchen. Und da hat einer das Bild seines Hundes eingestellt. Was soll das denn bedeuten? Sucht der Hund eine Freundin oder das Herrchen? Mir wird schlecht. Ich habe wirklich genug. Und was schreibt der hier? Er suche eine Frau, die sich gerne Ganzkörper ablecken lassen würde. In was für einer Freak-Show bin ich denn hier gelandet? Doch so langsam erwacht mein böser Spieltrieb. Dem schreibe ich jetzt, ich würde gerne mal sehen, wie er reagiert. Was soll ich sagen, der Kerl war begeistert, wollte mich sofort besuchen und mir stundenlange Ableckwonnen bereiten. Schickt noch ein Bild von sich aus dem Türkei-Urlaub. Sieht aus wie ein typischer Deutscher auf Malle.

Bad-Dürkheimer Gesichtsrose, Sonnenbrand, Schmerbauch und ein feistes Grinsen über alle Backen.  

Ich blocke den Kerl, will keine Bittbriefe mehr bekommen.  

Ein paar Tage maile ich mit einem Mann, der durch mein Profil angelockt wurde. Interessiert sich auch für Psychologie und ist recht belesen. Nach ein paar Mails schläft das Ganze wieder ein. Einfach so, ohne irgendeinen Grund. Auch egal, war zwar ganz nett, aber mehr auch nicht.  

Du glaubst es nicht. Da schreibt mir doch einer seine Maße. 21 cm lang und 5 cm Durchmesser. Ist wohl ein Mutant, wohnt sicher neben dem Kernkraftwerk. Und ein Bild davon will er mir auch noch schicken? Ich stell mir gerade vor, ich speichere das Foto unter meiner Raritätensammlung ab, mein Sohn kommt zu Besuch, weil an der Kiste mal wieder was zu reparieren ist und findet das Bild. Der verliert ja völlig den Respekt vor seiner Mutter. Nein, nein, der soll sein Bild mal behalten.  

Dann kam Franco, der Italiener. La dolce Vita, Mandolinen im Kerzenschein. Pizza, Vino und schmachtende Gesänge. So hatte ich mir das vorgestellt. Er sei schon 30 Jahre in Deutschland und sooo schrecklich einsam. Seine Frau hätte ihn verlassen und er sei sooo traurig. Alla gut, ich wollte ohnehin meinen Heiligenschein wieder polieren, ich treffe mich mit ihm auf einen Kaffee. Wunderte mich schon, als er mich per Mail bat, ihn an seinem Wohnort zu treffen. Stellt sich heraus, der Kerl hat kein Auto und auch keinen Führerschein. Macht ja nichts. Verschämt gesteht er mir später, die Mails hätte seine Ex-Frau geschrieben, er könne nicht deutsch schreiben. Da hatte ich genug und habe schon nach meinem Geldbeutel gekramt, um zu bezahlen und die Flatter zu machen.  Bin ja nicht eingebildet, aber auf ein gewissen Niveau lege ich schon Wert. Der Kellner lässt auf sich warten, Franco geht aufs Ganze. Er fände mich so wunderschön, meine Augen seien so tiefgründig und sanft, er würde mich sofort heiraten. Und ich dürfe auch gerne noch 30-40 Kilo zunehmen, er sei ganz verrückt auf Fett. Jetzt reichts, ich warte nicht mal mehr auf den Kellner, schnappe meine Jacke und die Tasche und renne, dass ich schier gar die Schlappen verliere.  

Meine liebe Christiane, ich habe jetzt die Schnauze voll. Ich fahre auf der Stelle  heim, lösche mich aus dieser Wer will mit wem poppen und auf welche Art Seite“ heraus und kann endlich wieder meine einsamen Abende genießen. Meinen Seelenschmerz kultivieren und weinen oder lachen, wann, wo und mit wem ich will. Ich brauche keine notgeilen Kerls, die machen mich krank. Warum darf man denn nicht alleine leben, warum meint Jeder und Jede, dass man nur zu Zweit glücklich sein kann?  

Aber immerhin, es war Stoff für diese Geschichte. Das ist doch auch was wert, oder?   

Ach so, weiß Einer, was ein Klodiener ist?

 

Das Ding

 

Eigentlich hätten mir diese Ärzte auch eine Ohrfeige geben können, das Resultat wäre wohl das Gleiche gewesen. Erst war ich sprachlos, was selten genug vorkommt, dann zornig, dann am Boden zerstört. Das kann ja wohl nicht sein, nicht ich. Nein, ich ganz bestimmt nicht. Ich mache doch immer meine Vorsorgeuntersuchungen, bisher war alles paletti, niemals gab es einen Grund zur Besorgnis. 

Was ist das denn?“, meine Ärztin zeigt auf einen kleinen, runden Fleck an der rechten Wade. Ein Leberfleck“, antworte ich leichtfertig, habe viele davon“, ergänze ich noch. Genauso leichtfertig. 

Sie sieht mir direkt in die Augen. Ja, aber dieser hier sieht ganz anders aus als die Anderen. Dieser hier ist schwarz.“ 

Ich betrachte mir das Ding jetzt etwas genauer. Tatsächlich, es ist mehr schwarz als braun, die Oberfläche uneben. Ich gebe Ihnen eine Überweisung zum Hautarzt. Das Ding gefällt mir nicht. Und bitte nicht anstehen lassen, gehen Sie bald.“ 

Mit meiner Überweisung und dem seltsamen Bewusstsein, ein Ding am Bein zu haben, marschiere ich gleich zum Hautarzt. Immer noch guter Dinge. Immer noch mit guter Laune. 

Das ist ein Melanom“, sagt der Hautarzt, nachdem er das Ding minutenlang durch ein Vergrößerungsglas beäugt hatte. Ich gebe Ihnen eine Überweisung für das Klinikum. Das Ding muss schnellstens operiert werden.“ 

Die Kreisel in meinem Kopf hören auf sich zu drehen. Jetzt habe ich den Dreck. Melanom. Hautkrebs. Ende der Fahnenstange. Gänseblümchen von Unten ansehen. Den Löffel abgeben. Das große Finale. Scheiße. 

Der untersuchende Arzt im Klinikum ruft gleich den Oberarzt. Gemeinsam beäugen auch sie das Ding durch das Glas. Rufen den Chefarzt. Kauderwelschen zu dritt vor sich hin. Denken wohl, ich verstehe eh nix. Irrtum, meine Herren, ich verstehe fast Alles. Kauderwelschen immer noch. Reden von mir und meinem Ding, als sei ich gar nicht vorhanden. 

Stopp!“, sage ich laut. Bitte?“, meint der Herr Professor. Meine lieben Herren Doktoren, ich bin durchaus körperlich und geistig anwesend. Wären Sie bitte so freundlich, mich direkt anzusprechen, mir die Diagnose zu erklären und vielleicht auch noch das weitere Vorgehen?“ Noch bin ich höflich, meine Stimme ist leise und deutlich. Ich könnte auch anders. Aber ich warte ab. 

Die Herren in Weiß sind etwas konsterniert, Erleben sie wohl nicht oft, dass einer der Patienten nicht halb ohnmächtig vor Ehrfurcht das Schwert des Damokles auf sich nieder sausen lässt.  Die Herren besinnen sich. Im Halbkreis sitzen sie vor mir. Ich lausche gespannt, was sie mir zu erzählen haben. Na also, es geht doch. 

Jetzt sitze ich im Auto, fahre durch den strömenden Regen. Kalt ist es, mich friert, drehe die Heizung an. Ich bin ganz cool. Mein Puls ist bei mindestens 120.

Ich bin ganz cool. Irgendjemand versucht mich zu erwürgen, ich krieg keine Luft mehr. Ich bin ganz cool. Meine Hände zittern. Ich habe Angst. Angst vor einem lächerlichen Ding. Habe die Hosen voll. Bis oben hin. 

Meine Gedanken fahren Karussell. Aber ich bin ganz cool. Nachdenken.

Variante eins. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Fertig. 

Variante zwei. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Nicht fertig. Sicherheitshalber noch ein paar Bestrahlungen, weil das Gewebe um das Ding herum verdächtig ist.  

Variante drei. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Noch lange nicht fertig. Ich habe Metastasen. Bedeutet, das Ding hat schon kräftig jung gemacht und lauter nette kleine Dinger in meinem Körper verstreut. Melanome seien äußerst bösartig. Wie gut das passt, das bin ich zwischenzeitlich auch. Bestrahlung. Zusätzlich Chemotherapie. Den Gang zum Frisör kann ich mir dann sparen. Und außerdem habe ich mich jetzt verfahren. Fahre in die völlig falsche Richtung,  

Variante vier. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde  genäht. Die Sache wird niemals fertig. Jetzt amputieren sie den Unterschenkel, weil überall schon die Mini-Dinger sitzen. Schicken mich heim. Ende der Vorstellung.  

Es regnet wie aus Kannen. Was macht eigentlich ein Rollstuhlfahrer, wenn es regnet? Oder Jemand, der an Krücken geht? Ich muss mal einen Bekannten fragen, der sitzt schon lange im Rollstuhl, hat MS. Vor Jahren hat er mal zu mir gesagt, wenn er im Rollstuhl sitzt, hat er sich aufgegeben. Nun, er sitzt im Rollstuhl, aber ans Aufgeben denkt er nicht. Keine Spur. Und ich? 

Das Auto. Ich brauche dann wohl einen Automatik. Ob sich das lohnt für die kurze Zeit? Aber immerhin, bei Aldi darf ich dann in die erste Reihe.  

Meine Wohnung. Geht alles mit Rollstuhl. Küche müsste wohl umgebaut werden. Wieder drängt sich die Frage auf, ob sich das noch lohnt. Ich bin immer noch ganz cool. Ob ich wohl noch arbeiten kann? Die Dienststelle ist für Rollstuhlfahrer geeignet, also, warum nicht? Und wenn es mir ganz beschissen geht? Wer kümmert sich dann um mich? Die Familie ist 40 km weg. Doch noch rechtzeitig umziehen? Was machen die eigentlich mit so einem halben Bein? Ein halbes Bein mit fünf blauen Nägeln, der große sogar mit Glitzer. Wird das beerdigt? Mit einem kleinen Stein auf dem Grab?  Hier ruht das Bein, der Rest folgt nach. Bald.  Jetzt fällt mir gerade ein, die Fußpflege sollte dann auch billiger werden. Ist ja nur noch ein Fuß. Und wie ist das mit den Schuhen? Kriegt man die auch einzeln? 

So, jetzt habe ich zum zweiten Mal die Abzweigung zur Schnellstraße verpasst. Noch eine Ehrenrunde, ich bin immer noch ganz cool. 

Was mache ich mit meinem Schätzchen? Die Beziehung ist ohnehin schon so schwierig geworden. Soll ich es ihm sagen, ihm ein schlechtes Gewissen machen? Hallo Schätzchen, mir geht es prima ohne Dich. Ich habe jetzt so ein Ding. Kommst Du auf meine Beerdigung?  Du darfst auch in der Kirche ganz vorne sitzen, bei den Ehrengästen. Wahrhaftig, die Versuchung ist groß. Nein, ich sage es ihm nicht. Ich will sein verdammtes Mitleid nicht.  

Warum sind Tränen eigentlich salzig? Und warum ist bei mir immer alles so dramatisch? Meine Fantasie schlägt wieder Purzelbäume. Variante drei und vier sind äußerst unwahrscheinlich. Variante eins ist sicher, Variante zwei ist möglich. An Variante drei und vier will ich nicht mehr denken. Nächste Woche habe ich einen Fußpflege-Termin. Für beide Beine. Werde schwarzen Lack nehmen, farblich passend zum Ding, die großen Zehen mit Glitzer. Alle zehn Zehen. Meine Zehen. Keinen Einzigen gebe ich her. Nur das Ding, das kann verschwinden.

 

Brief an eine Schwester

 

Sei gegrüßt, meine Liebe, 

oft hast Du mich gefragt, wie es mir so ginge. Nie konnte ich Dir eine Antwort geben, da mir die Worte fehlten, um zu erklären, was ich selbst nicht verstand. 

Aber jetzt will ich Dir eine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Traumes, vielleicht ist es auch die Geschichte eines Schattens einer vergangenen Realität. Ich weiß es nicht, lies meine Worte und schaffe Dir selbst ein Bild. Vielleicht übersteigt es Deine Vorstellungskraft. Aber ich kenne Dich gut, ich habe die Hoffnung, dass Du die Wahrheit hinter den Worten erkennst. 

Wir leben in einer perfekten Welt. Es ist alles da, was Du oder ich jemals brauchen könnten. Kein Wunsch, der sich nicht erfüllen ließe. Doch weißt Du noch, wie es war, als wir Kinder waren? Als die Alten Geschichten erzählten von Wasser, Flüssen und unendlichen Meeren? Vom Regen, der aus einem grauen Himmel auf die Erde fiel? Von grünen Wiesen, hohen, mächtigen Bäumen und von einer Sonne, die heiß und strahlend auf die Erde schien? Das sind Begriffe, von denen wir keine Vorstellungen mehr haben, die nur noch Worte sind. Unbekannte Begriffe, die wir nicht mehr greifen können. 

Aber nun zu meinem Traum. Es schien noch früh am Morgen zu sein, als ich erwachte. Du kannst Dir mein Erstaunen vorstellen, als ich feststellen musste, dass ich keinesfalls in meinem Bett lag. Etwas Unbekanntes war um mich herum, Geräusche drangen an mein Ohr, die ich noch nie vernommen hatte. Langsam, zaghaft öffnete ich meine Augen. Das erste, was ich sah, war ein Himmel, so blau, wie ich es noch nie gesehen hatte. Kleine, weiße Wölkchen tanzten in dieser blauen Weite und aus dem östlichen Himmel schob sich eine Kugel aus purem Gold. Ihre Strahlen waren so grell und leuchtend, dass ich für einen Moment geblendet war und die Augen schließen musste.  

Ich lag im hohem Gras. Ich wusste ganz einfach, dass es Gras war. Echtes Gras. Nichts kann den Duft beschreiben, der von diesem grünen Gewächs ausströmte und keine Worte können beschreiben, was ich empfand, als kleine, silberne und schillernde Kügelchen den Halm hinunter tanzten, um mit einem sanften Klopfen auf meinen Körper zu prallen. Lange suchte ich in meinen Erinnerungen, bis mir einfiel, dass dies der Tau des frühen Morgens war, der mich auf diese entzückende Weise wach küsste. Ich beobachtete, wie die Tropfen auf meinem Körper zerrannen, fühlte mit dem Finger die Nässe und ich schäme mich fast, es zuzugeben, ich habe diese Tropfen mit meiner Zunge aufgeleckt.  

Schließlich stand ich auf und fand mich in einer Umgebung wieder, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Da waren richtige Bäume. Ach, meine Liebe, wie kann ich Dir nur beschreiben, wie die Blätter im Winde rauschten. Weiß ich doch, dass Du, wie bisher auch ich, Blätter nur von den alten Bildern kennst und Wind etwas völlig Unbekanntes ist.  

Aber nichts hat meine Seele mehr erschüttert, als der kleine Bach, der über einen hohen Felsen stürzte und sich dann seinen Weg durch die Wiese bahnte. Es war gefährlich, das wusste ich. Aber Du kennst meinen Wagemut, ich konnte einfach nicht widerstehen. Nackt stellte ich mich unter diesen kleinen Wasserfall. Von diesem Moment an war meine Welt eine andere. Kühle Nässe, die prickelnd meine Poren füllte, Wasser, das wie Seide über meinen Körper glitt. Meine Zunge, die durstig wie tausend Höllenhunde das reine Nass auffing und schluckte. Eine Kehle, die nicht glauben konnte, welche Süße dieses Wasser in sich barg.. Mein Körper wurde gefüllt mit dem Köstlichsten, das ich mir jemals vorstellen konnte. Mein Körper gebadet in etwas, das reiner nicht sein konnte, meine Seele auf ewig gebunden an ein Sein, das jede Vorstellung sprengte. 

In diesem Moment habe ich sterben wollen. Verzeih mir diesen Wunsch, meine Schwester. Aber es war wohl in meinem Schicksal noch nicht vorgesehen. 

Hast Du eine Vorstellung davon, welchen Verlust ich erlitten habe, als der Traum mich widerwillig frei gab und ich erkennen musste, dass ich verloren hatte, was ich nie wirklich besaß? Ach herrje, meine Liebe, all meine Fantasie reicht nicht aus, um Dich fühlen zu lassen, was ich fühlte. Verzeih mir. 

Ich weiß, es geht mir gut. Und doch, die Erinnerung an das Wasser lässt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Eingebrannt tief in den Grund meiner Seele ist sie so sehr Teil meines Seins geworden, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, ohne die Gedanken an diese schönen Stunden noch derselbe Mensch zu sein als zuvor. Diese Erinnerung ist mir unendlich  kostbar und ich werde sie hüten bis zum Ende meiner Zeit. Voll Sehnsucht ist sie, voll quälendem Verlangen, doch bin ich nicht gerade deshalb ein glücklicher Mensch? Durfte ich doch erfahren, was vielen Menschen nur noch eine verschwommene Erinnerung, ein Begriff aus alten Liedern ist. 

So sei es, meine Liebe. Ich will nicht klagen. Besitze ich doch einen Reichtum, der mit nichts zu bezahlen und durch nichts zu ersetzen ist.

Sei nochmals gegrüßt und innig umarmt

 

 

Weihnachten ist geil oder? 

 

Also ich find Weihnachten ja so richtig geil. Geschenke, Glühwein, Weihnachtsmärkte, Essen, bis der Ranzen spannt. Freie Tage, die Oma mal wieder abzocken. An Weihnachten hat sie immer die Spendierhosen an. Ach, ach“ sagt sie immer, ich gebe euch lieber aus warmer Hand. Ihr seid ja auch so lieb zu mir. Wenn ich tot bin, sehe ich nicht mehr, wie ihr euch freut.“  

Ich verdrehe die Augen. Was meint sie damit? Womöglich den Urlaub? Den ich ihr letztes Weihnachten versprochen hatte? Ein paar Tage in den Bergen, auf der Alm? Mist, leider nichts draus geworden. Susanne, das ist meine Puppe, die wollte lieber ans Meer. Nach den Maledivien. Das war der Oma zu weit und fliegen, nö, das will sie nicht mehr. Der Susanne war es recht. Mir auch, wenn ich ehrlich bin.  Na, vielleicht nächstes Jahr, mal sehen. Die 200 Euros für Jeden, das macht sie doch locker. Braucht ja nicht mehr so viel. Raucht nicht, trinkt nicht und ausgehen tut sie schon gar nicht. Wo soll sie auch alleine schon hin. Mit dem Gehwagen. Ist doch lästig. 

Morgen Nacht gehen wir in den Wald. Papa und ich. Den Tannenbaum schlagen. Das machen wir jedes Jahr. So ein Stück die Schwarzwaldhochstraße rauf, rein in die Schonung, das Hackebeilchen geschwungen, das Bäumchen geschnappt und wieder ab auf die Straße. Spaßfaktor bei 100 Prozent, Adrenalinspiegel im mittleren Bereich. Vor zwei Jahren hätte uns schier gar der Förster erwischt. Da mussten wir den Baum liegen lassen und uns verstecken. Zwei Stunden in der Kälte, das war hart. Und den Baum hatte er auch mitgenommen, die Grünkappe. Haben wir halt noch einen geschlagen, Hauptsache umsonst. Was heißt hier Flurschaden? Wir zahlen soviel Steuer, da werden wir uns doch ein Bäumchen holen können? Wenn man es genau nimmt, haben wir mit unseren Steuern schon tausende von Bäumen bezahlt. Eigentlich gehört uns die ganze Schonung. Wie meinst du? Wenn das Jeder machen würde? Ja, Himmelherrgott, bin ich vielleicht Jeder? Na also, halt die Klappe.  

Der Oma habe ich neue Geschirrhandtücher gekauft. Waren im Angebot. Zwölf Stück für 4,95 Euro. Ein Schnäppchen sozusagen. Und ne Schachtel Pralinen. Für Diabetiker. Für die Ollen habe ich was Duftiges gekauft. Bei Woolworth, Duschgel und Lotion. Was Neutrales, damit sie es beide benutzen können. Je 5,00 Euro. Das reicht. Ach so, ich hab ja noch die Lose von der Aktion Mensch. Da tut man was Gutes und wenn du Glück hast, gewinnst du noch was. 

Für meinen Bruder habe ich noch  ne CD gebrannt. Hängt zwar ein wenig, der Ton ist auch nicht der Beste, aber die Rohlinge sind aus. Muss sparen, Susanne will einen Ring.  

Hab ich schon erzählt, was ich gestern auf der Post für einen Massel hatte? Nein? Hatte gerade meine Zahlkarte für den Strafzettel ausgefüllt, da sehe ich im Papierkorb den dicken Umschlag liegen. Ganz unauffällig hab ich mich gebückt, den Umschlag geschnappt und reingeschaut. Mann, ey, war ein Sparbuch drin und zehn 50 Euroscheine. Das Sparbuch habe ich wieder in den Papierkorb geschmissen, das Geld natürlich eingesteckt. So ein Glück aber auch. Wie leichtsinnig die Leute mit ihrem Geld umgehen, das weiß man doch, dass in der Weihnachtszeit heftig geklaut wird. 

Auf dem Weg nach Hause begegnen mir im Park die Hartzer. Haben sich zwei Bänke zusammen geschoben, einen Kasten Bier dazwischen gestellt und lassen es sich so richtig gut gehen. Einen davon kenn ich. Der hat mich mal am Bahnhof angeranzt. Er müsse nach Heidelberg in die Kopfklinik und hätte kein Geld mehr für die Fahrkarte. Ja, was zum Teufel, bin ich vielleicht die Heilsarmee? Hab ihm gesagt, er soll nach Heidelberg laufen, sind ja bloß 30 Kilometer. Zeit hat er ja genug. Und wer weiß, wenn ich ihm die sieben Euros gegeben hätte, vielleicht hätte er sie doch nur versoffen.  

Aber er sieht schlecht aus, hat einen Verband um den Kopf. Ob ich ihm heute mal nen Zwanziger zustecken soll? Kann es mir ja leisten, hab ja eben auf der Post Gute gemacht. Seine Jacke ist auch nicht mehr der Hit. Ich weiß, was ich mache. Ich geh mit ihm zu C&A, kauf ihm ne Jacke für nen Fuffziger und geh dann noch mit ihm zum Chinesen zum Futtern. Soll keiner sagen, ich hätte kein Mitleid mit den Loosern, gerade jetzt an Weihnachten. Gott sei dank isses nicht meine Kohle. 

An Heiligabend gehen wir alle zusammen in die Kirche. Das gehört sich so an Weihnachten, sonst kommt keine Stimmung auf. Da sieht man wenigstens mal wieder die ganze Nachbarschaft. Die olle Frau Zipf vom dritten Stock im Pelz. Ich raff es nicht. Wo hat die bloß die Knete her? Mama guckt auch schon ganz neidisch, haut dem Papa zwischen die Rippen und meint: "Guck doch, die Zipf, hast du noch Töne. Hat sie bestimmt zu Weihnachten bekommen, das Teil. Iiiiiich wollte so ein Ding ja nicht, ein synthetischer wäre mir auch recht. Aber selbst das ist dir ja zuviel, du alter Geizkragen, du Sparbrenner. Ich sag nur: ist die Alte abgewrackt, wird sie in den Pelz gepackt".  Mit diesen Worten hat sie sich wohl selbst getröstet. 

Papa ist das peinlich, er geht einen Schritt zur Seite und tut so, als gehöre er nicht zu uns.  

Ich schlaf meistens ein während der Predigt, Oma tritt mir immer auf den Fuß, wenn ich anfange zu schnarchen. Vorne in der ersten Reihe sitzen die Behinderten vom HWK. Ganz aufgeregt sind die, singen laut und falsch. Die wären wohl auch besser daheim geblieben, nicht mal in der Kirche hat man seine Ruhe. Der Opa hat früher immer erzählt, was der Adolf bei diesem Problem gemacht hätte. Aber nein, das sage ich jetzt lieber nicht, sonst holt mich noch der Verfassungsschutz und ich lande im Bau wegen Volksverhetzung oder sonst was. Aber ist doch wahr, erstens kapieren die eh nix und zweitens ist die Kirche so voll, da hätte Selektion bestimmt nicht geschadet. Wenn Stille Nacht-Heilige Nacht gesungen wird, will ich einfach nicht gestört werden, weil ich da immer heulen muss. Das geht mir so richtig aufs Gemüt, Weihnachten ist doch das Fest der Liebe. 

Nach der Kirche besuchen wir noch den Opa auf dem Friedhof. Oma hat so ein rotes Öl-Lämpchen mitgebracht, ein kleines für zwölf Stunden, das reicht für ihn, hat sie gemeint. Aber, verdammter Mist, das Ding will nicht brennen. Kein Problem, ich geh zwei Reihen weiter zum Grab vom Sparkassen-Müller, da stehen zwei. Der konnte schon zu Lebzeiten nie genug kriegen, da tausche ich jetzt die Lämpchen aus. So, beim Müller brennt jetzt eines, Opa ist auch beleuchtet und alle sind zufrieden.  

Und jetzt ist endlich Bescherung. Die Kleine von meiner Schwester spielt was auf der Flöte. Da könnte ich doch glatt einen Hörsturz kriegen. Meine Zähne fangen auch schon an zu vibrieren. So ein sentimentales Gedödel. Ich will jetzt endlich die Geschenke haben. Von der Oma die Kohle, meine Eltern haben mir eine Digital Kamera geschenkt. So ein Teil wollte ich schon lange. Für die scharfen Bilder von Susanne. Mein Bruder und meine Schwester haben zusammengelegt für einen neuen DVD- Player. Die Kleine hat ein Bild gemalt. Naja, werde es ein paar Tage aufhängen müssen. Und ich? Ich habe mir auch was geschenkt. Bei Aldi gab es einen megageilen Computer, Drucker, alles waste so brauchst. Für die scharfen Bilder.  

Dann schnell essen und ab zu Susanne. Bin mal gespannt, was sie zu ihrem Geschenk sagt. Hab ihr einen tollen Ring gekauft. Aber das Beste ist die Verpackung. Ich habe im Tierheim eine kleine Katze geholt, der binde ich den Ring an den Schwanz. Wenn sie die Katze nicht will, auch nicht schlimm. Bring ich sie nach den Feiertagen halt wieder zurück oder ich lass sie im Stadtpark rennen. Es ist ja noch nicht so kalt. 

Also, dieses Weihnachten hat sich gelohnt. Es ist mehr rein gekommen als ich ausgegeben habe. Die Bilanz stimmt. Hab sogar noch was für die Armen getan. Was will man mehr. Wenn jeder so wäre wie ich, gäbe es nur halb so viel Elend auf der Welt. Weihnachten ist einfach nur geil. Wer hat es eigentlich erfunden?

 

 

Lust 

 

Himmel, was für ein Tag. Es hat schon morgens gut angefangen, ein Tag mit der Überschrift: Schlaf weiter oder spring hinter den Zug. 

Mein Wecker hat mal wieder versagt, normalerweise benutze ich die Weckfunktion des Handys zusätzlich. Das hatte ich wohl vergessen einzustellen. Mist, um halb sieben bin ich erst aufgewacht. Eine Stunde zu spät. Unter die Dusche, rein in die Kleider, na toll, schütte ich mir doch gleich den Kaffee über die frische Bluse. Warum habe ich das Teil eigentlich gebügelt? Kaffee muss sein, sonst wach ich nicht auf. Eigentlich habe ich ja Zeit genug, die nächste Bahn fährt kurz nach acht. Nicht an diesem Tag. Nein, an diesem Tag fällt die Bahn aus, die nächste fährt genau eine Stunde später. Total überfüllt natürlich, alle sind am Fluchen. Ich sag nix mehr, mir reicht es jetzt schon. Hätte ja auch mit dem Auto fahren können, aber Tank leer, Geldbeutel und Konto machen grad Diät. Immer das gleiche, am Ende des Geldes ist noch jede Menge Monat übrig! 

Wider Erwarten verläuft der Tag ruhig. Zu ruhig. Schleppe überall das Handy mit, auch aufs Klo. Warum ruft er nicht an, der Saukerl, der elende. Es ist doch Montag. Ich bin nervös, renne alle halbe Stunde in die Küche um zu rauchen. Die Kollegen kennen das, lassen mich in Ruhe. Eine einzige blöde Bemerkung und ich wäre geplatzt. 

Eine Sauhitze heute. Man glaubt es kaum, die Bahn kurz nach vier ist pünktlich. Warum sind diese blöden Bahnen nicht klimatisiert? Ich schwitze wie ein Tier, bin klatschnass, als ich eine halbe Stunde später aussteige. Immer noch kein Anruf, bedeutet wohl, ich brauche heute nicht auf ihn zu warten. Soll ich jetzt lachen? Natürlich warte ich trotzdem. Um acht, um neun, um zehn. Vielleicht ruft er ja gar nicht an, er weiß ja, dass ich zuhause bin. Obwohl er das eigentlich nie macht. Und einen Schlüssel hat er auch. 

Bin mal wieder total gefrustet, näher am Heulen als am Lachen. Aber immer noch mit Hoffnung, ich lerne es wohl nie.  

Also noch schnell duschen und ab ins Bett. Leicht duftend nach Casmir, ein Anflug von Verschwendungssucht, die Flasche kostet fast 20 Eurakel, schlüpfe ich in mein Bett. Es knistert kühl, Ikea-Bettwäsche, reine Baumwolle, leicht gestärkt. Wow, es ist ein Genuss. 

Meine Teddys setze ich alle ans Kopfende, nur Charly darf mit unter die Decke. Das ist ein brauner, knubbeliger, abgekämpfter Teddy, der mich schon Jahre begleitet. Tröster meiner einsamen Nächte.  

Die Terrassentür lasse ich offen, ein Stückchen wenigstens. Das Fenster öffne ich ganz. Der Mond scheint direkt in mein Schlafzimmer, der Duft des wilden Jasmins bringt mich fast um den Verstand. Wenn das meine Mutter wüsste.

"Hast du keine Angst? So im Erdgeschoss und alles offen?" Nein, ich hab keine Angst. Mir passiert schon nichts. Habe noch Vertrauen in meine Mitmenschen. Manchmal zuviel. 

Bin wohl gleich eingeschlafen. Doch irgendetwas hat mich wieder aufgeweckt. Leise, tappende Geräusche. Er! Endlich!  

Eine zarte Berührung, etwas streicht zärtlich über meine Haare. Schnelle, heiße, feuchte Küsse wandern über meine Augen, streifen die Nasenspitze, verweilen kurz auf meinen Lippen. Wandern über meine Ohren, saugen sich fest an der pulsierenden Stelle am Hals. Ich wage kaum Luft zu holen, will ihm noch nicht zeigen, dass ich wach bin. Sein Atem dicht an meinem Ohr lässt mich erschauern, Wellen der Erregung ziehen durch meinen Körper, die Sehnsucht nach ihm wird fast schmerzhaft. Ich spüre seine dichten Haare auf meinem Brustansatz, langsam, lasziv, genüsslich streift sein Mund über meinen Busen, ich spüre seine Zähne an meinen Brustwarzen. So viele Jahre und noch immer stehe ich bei der kleinsten Berührung in Flammen. Das Gefühl der Liebe schlägt über mir zusammen, ich könnte ohnmächtig werden vor Lust. Ohne die Augen zu öffnen, sehe ich sein Gesicht. Kann seinen Blick spüren, der jetzt nichts mehr verbergen kann. In dem ich nur noch Wärme und Liebe sehe, der ganz eintaucht in meine Seele. Spüre, wie seine Lippen zittern, wie er alles Belastende abstreift, nur noch genießt, sich ganz in unsere Welt der Gefühle fallen lässt. 

Sein Kopf liegt schwer auf meinem Schoss. Leises Atmen zeigt mir, dass er schläft. Dieses Glück schmerzt, diese Liebe lässt mich weinen. Ich will ihn halten, ihn dicht bei mir spüren, Haut an Haut, Herz an Herz. Jetzt könnte ich sterben. Auf dem höchsten Punkt des Glücks und der Lust. Nichts anderes brauche ich mehr, meine Welt ist komplett.

Fest greife ich in seine Haare, will ihn dichter an mich heranziehen. 

Fauchend und kratzend springt etwas von mir weg. Entsetzt suche ich den Lichtschalter, die plötzliche Helligkeit tut meinen Augen weh. 

"Paul, du Miststück, was hast du hier in meinem Bett zu suchen? Elendes, rotes Teufelsvieh!" 

Der Kater Paul, so ein Frechdachs. Ich hätte wohl doch das Fenster schließen sollen.

 

So ist das Leben

 

So ein Unglück. Was hatten wir doch noch so viele Pläne. Jetzt, wo wir in  Rente, die Kinder aus dem Haus, die Schulden für unser Häuschen so gut wie bezahl sind. 

Ich fass es nicht. Wie kann er mir das antun? Er kann mich jetzt doch nicht alleine lassen?  Der Urlaub ist schon gebucht, endlich mal nach USA, mit dem Trailer durch Texas, das war doch immer sein Traum.  

Das Ticken der Geräte macht mich krank. Zwei Tage und Nächte sitze ich jetzt hier. Gerade vorhin war die Schwester da, fragte, ob ich nicht mal nach Hause wollte, ein paar Stunden schlafen, duschen, etwas essen. Wie wenn ich jetzt essen könnte. Schon der Gedanke daran zieht mir den Hals zu. Oder schlafen. Das geht doch nicht. 34 Jahre sind wir verheiratet, nie war ich einen Tag oder eine Nacht alleine. Durch Dick und Dünn sind wir zusammen gegangen, haben viele kleine, manch größere Probleme miteinander gelöst. 

Die siamesischen Zwillinge haben sie uns genannt. Auf jedem Dorffest, beim Kegeln, auf den Geburtstagen unserer Freunde, überall sind wir gemeinsam hingegangen. Ich bin noch nicht einmal alleine ins Kino. Da wollte er nämlich nicht mit, unsere Geschmäcker waren sehr verschieden. Seine doofen Wildwest-Filme habe ich mir immer angesehen, meine geliebten Horror-Filme haben ihn nicht interessiert. Wenn mich nicht ab und zu einer meiner Söhne mitgenommen hätte, wäre ich nie in den Genuss eines neuen Filmes gekommen. 

Warte doch einfach ab“, hat er immer gesagt, in einem Jahr kommen die alle auf Premiere.“ Ja, nur, wann habe ich schon mal die Gelegenheit, Premiere zu gucken? Da läuft doch immer sein blöder Sport. Wenn kein Fußball läuft, dann bestimmt Leichtathletik, Boxen oder irgendwas anderes in dieser Richtung.  

Die Schwester kommt wieder, wechselt die Glukoseflasche der Infusion aus.

Der Arzt kommt gleich zu Ihnen“, flüstert sie mir ins Ohr. Warum flüstert sie denn, er kann doch sowieso nichts hören. Oder doch? Man sagt ja, dass Menschen im Koma vielleicht aus dem Unterbewusstsein heraus noch ihre Umgebung wahrnehmen.   

Schlaganfall, hat der Arzt nach seiner ersten Untersuchung gesagt. Die nächsten Tage werden zeigen, ob er überlebt. Und wie er überlebt. Jetzt sind zwei Tage vergangen, die Chancen, dass er ohne Behinderung bleibt, schwinden von Stunde zu Stunde.  

Ich habe es ja kommen sehen. Jeden Abend einen halben Liter Wein. Sein Blutdruck war immer hoch, seine Tabletten hat er auch nicht regelmäßig genommen.  Von den Schnäpsen will ich gar nicht reden. Die sind für die Verdauung, hat er immer gesagt. Blödsinn. Wie wenn er was für die Verdauung gebraucht hätte. Er saß doch auch so fünf Mal am Abend auf dem Klo, die Geräusche waren deutlich zu hören. War mir immer peinlich, speziell, wenn Besuch da war.  

Wir hatten nicht oft Besuch. Besuch hat ihn gestört. Egal, wer kam, er saß vor dem Fernseher, die Beine auf der Coach, in der Hand ein Glas Wein. Und dann dieser Qualm in der Wohnung, mindestens 40 Zigaretten am Tag. Ich werde jetzt erst mal die Vorhänge waschen müssen, damit ich diesen Gestank loswerde. 

Der Arzt kommt. Er nimmt meine Hand: Ich habe keine guten Nachrichten für Sie. Es ist wohl so, dass die cerebrale Schädigung irreparabel ist. Ihr Mann wird ein Pflegefall sein. Gut, dass Sie jetzt nicht mehr arbeiten. Er wird eine Rundumversorgung brauchen, Sie müssen sich rechtzeitig nach geeigneter Hilfe umsehen. Ich gebe Ihnen nachher ein paar Adressen von Pflegediensten. Das schaffen Sie nicht alleine.“ 

Schwätzer, der kennt mich nicht. Was weiß dieser Arzt schon, was ich alles organisieren kann, wenn man mich nur lässt. 

Ich wasche meinem Mann das Gesicht ab, tupfe ein wenig Wasser auf seine aufgesprungenen Lippen. Armer Kerl, das hat er wirklich nicht verdient. 

Ich setze mich wieder auf den Stuhl neben seinem Bett, streichle seine Hand. Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen. Habe geträumt. Von einem tollen Urlaub mit einem wundervollen, weißen Sandstrand. Ich alleine. Einen giftgrünen Cocktail in der Hand. Nie sind wir im Urlaub ans Meer gefahren. Immer in die Berge. Wandern. Es war zum Kotzen. 

Das Bild wechselt. Eine Bar. Lachende Menschen, ich mittendrin. Beim Tanzen. Mein Gott, wie lange habe ich schon nicht mehr getanzt. Er wollte ja nie ausgehen, hätte ja immer was im Fernsehen versäumt. Alleine ausgehen, mit einer Freundin? Undenkbar, da war er zu eifersüchtig. Was willst Du in Deinem Alter noch tanzen gehen? Kümmere Dich um Deinen Enkel oder putz die Fenster, die haben es nötig. Oder willst Du einen Kerl aufreißen? Bin ich Dir nicht mehr gut genug?“ 

Wenn ich ehrlich bin, nein. Die drei Mal im Jahr, wo er mehr oder weniger seine Pflichtübungen erledigt hat?  Du lieber Himmel, ich bin doch erst 55, da ist man doch noch nicht jenseits aller Bedürfnisse. 

Aber ich bin immer brav zu Hause geblieben. Schön blöd, hat meine Freundin immer gesagt, aber was macht man nicht alles um des lieben Friedens willen.

Wäre ich trotzdem gegangen, hätte er mir nur wieder eine gelangt. Danke, davon hatte ich genug, da verzichte ich lieber auf das Ausgehen. Jetzt, wo man diese großen Sonnenbrillen nicht mehr hat, sieht man die blauen Augen auf den ersten Blick. Soll ich mich auch noch dem Gespött der Nachbarschaft aussetzen und dem Getuschel?  

Ja, verzichten werde ich jetzt wohl auf vieles müssen. Pflegefall. Scheiße. Das habe ich mir so nicht vorgestellt. Wenn er wenigstens gleich gestorben wäre.

Immerhin gäbe es eine saftige Lebensversicherung. Zusammen mit der Witwen-Rente könnte es mir so richtig gut gehen. Vielleicht würde ich auch das Haus verkaufen, für mich alleine ist es ohnehin zu groß. So eine schicke Eigentumswohnung würde mir völlig reichen. Ich könnte dann auch mal die Einladung dieses netten Herrn Müller annehmen, den ich kürzlich an der Tankstelle kennen gelernt habe. Die Handy-Nummer habe ich ja. Das ist ein Mann, muskulös, volle Haare, kein so ein glatzköpfiger Hungerhaken wie dieses Elend, das hier vor mir im Koma liegt. 

Langsam drehe ich die Sauerstoffzufuhr ab, warte, bis das Röcheln verstummt ist, drehe wieder auf und rufe der Schwester. Dann geht alles sehr schnell. Der Totenschein wird ausgestellt, meine Kinder helfen mir, die persönlichen Sachen meines Mannes zusammen zu packen. Um alles weitere kümmert sich dann ein Bestattungsinstitut. 

War wohl besser so“, meinte der Arzt. Kopf hoch, Sie sind ja noch jung, das Leben geht weiter.“ Allerdings, jetzt schon, dafür habe ich gesorgt. Mein Leben geht weiter.

 

 

Depression

 

 

Schon seit Wochen das gleiche. Absolute Euphorie, ich könnte Bäume ausreißen, mit der Weltkugel Billard spielen oder wenigstens aus dem Mond einen Tennisball machen. Nächte verbringe ich vor dem Computer, telefoniere Stunden um Stunden, habe für jeden ein offenes Ohr. "Bist du denn niemals müde?“ werde ich manchmal gefragt. Ich doch nicht, in meinen Adern fließt Lava, in meinem Inneren brodelt ein Vulkan. Ich brauche keine Energie, ich bin Energie in ihrer reinsten Form. "Geht nicht, gibt`s nicht“, dieser blöde Werbespruch ist das Motto meines Lebens. Habe ich den aus der Werbung oder die Werbung von mir?  Zwei Stunden Schlaf und ich bin topfit. Für das morgendliche Gähnen meiner Kollegen habe ich nur ein Schulterzucken, es ist mir absolut unverständlich. 

Ich kenne kein 11-Uhr-Loch, nicht den Wunsch nach einem Nachmittags-Schläfchen und wenn ich um vier Uhr Feierabend mache, drehe ich erst so richtig auf. Auf dem Heimweg noch schnell einkaufen, viel brauche ich ohnehin nicht, Cola, Kaffee und Zigaretten sind das Wichtigste.  Der erste Griff zuhause ist der Griff an den Einschaltknopf am PC. Mails abfragen, beantworten, zwischendurch ein Telefongespräch. Gedanken festhalten, schnell was aufschreiben. Ach ja, schalte noch Musik ein, lass mich sanft berieseln. Fernsehen mag ich nicht, ich kann nicht so lange untätig sitzen, ich muss was tun.  

Früher habe ich jeden Abend meditiert, das kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Nichts denken, völlig unmöglich, meine grauen Zellen tanzen Boogie!  Die Abende sind straff durchorganisiert, sonst schaffe ich mein Zeitmanagement nicht.  

Samstag ist mein freier Tag. Morgens den Haushalt, waschen, vielleicht noch mal einkaufen. An diesem Nachmittag zwingt mich meine Freundin zu einem Spaziergang. Verlorene Zeit, ich schaue auf die Uhr. Habe ich nicht irgendwo einen Zettel in der Tasche, ich muss mir unbedingt was notieren, was mir gerade eben so durch den Kopf ging. Sie besteht darauf, dass ich mit ihr zu Abend esse. Ich bin unruhig, rutsche auf meinem Stuhl hin und her, unaufhaltsam geht der Zeiger der Uhr, ich weiß, ich muss unbedingt noch was erledigen, aber ich weiß nicht mehr, was es war. "Wollten wir nicht heute Abend ins Kino?“ Mein Kopf ist leer, alles ist durcheinander. "Was machen wir morgen“ fragt sie. Morgen? Was ist morgen? Ich kann nicht mehr richtig denken, alles verschwindet. Wohin? Ich weiß es nicht.  

"Ich bin hundemüde“, sage ich zu ihr, "ich fahre nach Hause, lege mich in die Wanne und geh mal früh zu Bett“. Sie schaut mich etwas ungläubig an, aber es ist die Wahrheit. Ich bin wirklich total erledigt. Wie bin ich eigentlich nach Hause gekommen? Unterwegs, durch den Wald, hatte ich eine Panikattacke. So dunkel, die Bäume versuchen das Auto zu verschlingen. Grelle Lichter kommen mir entgegen, rauschen vorbei und ich bin schon wieder in dieser gnadenlosen Dunkelheit. Wenn jetzt der Motor ausgeht. Der Schweiß bricht mir aus, ich zittere, weine vor Angst. Es regnet so fürchterlich, ich sehe fast nichts mehr. Wenn ich stehen bleibe, bin ich verloren. In der Dunkelheit wartet etwas Grauenhaftes auf mich. Böse Augen schauen durch die Fenster, ich will schreien, aber ich kann nicht. Dieser Wald, er will gar nicht aufhören. So viel Finsternis und dieses Wispern! Ich will es nicht mehr hören! 

Endlich, ich stelle das Auto auf dem Parkplatz ab. Das Haus ist dunkel. Die Fensterhöhlen grinsen mir kalt und feindlich entgegen. Ich renne zur Haustür, öffne, drücke schnell die Tür hinter mir ins Schloss. Endlich Licht, Wärme, Sicherheit.  

Schon in der Wanne schlafe ich ein, ich wache erst auf, als das Wasser kalt wird. Mit letzter Kraft schleppe ich mich ins Schlafzimmer. "Wer bist du denn?“ fragt mein Bett. "Frag nicht so blöd“ antworte ich, schlüpfe hinein und schon bin ich weg. Seltsame Träume geistern durch meinen Schlaf "du hast was vergessen, du hast was vergessen, schlaf nicht, schlaf nicht, schlaf nicht“ Entsetzt wache ich auf, kalter Schweiß läuft an mir herunter, ich habe Durst. Um etwas zu trinken, müsste ich allerdings aufstehen. Ich sollte auf die Toilette, aber dann müsste ich aufstehen. Das Telefon läutet, aber ich mag nicht aufstehen. Ich stehe nie mehr auf, ich habe keine Lust mehr. 

Es ist elf Uhr am Sonntag, als ich endlich aus meiner Ohnmacht aufwache.  Ich habe 15 Stunden geschlafen, bin immer noch todmüde. Weitere zwei Stunden sitze ich vor meiner Kaffeetasse, rauche eine Zigarette nach der anderen und plötzlich weiß ich, alles ist falsch in meinem Leben. Ich bin falsch, meine Gedanken sind falsch. Jede Bewegung ist mir zuviel, meine Arme und Beine sind zentnerschwer, ich starre Löcher in die Wand. "Wer bist du, was tust du eigentlich hier? Gibt es irgendeinen Menschen, der sich für dich interessiert?“ Bohrende Fragen in meinem Kopf. Ich will sie nicht hören, ich gehe lieber wieder ins Bett und schlafe, dann brauche ich nicht zu denken. "Deine lächerlichen Geschichten und Gedichte, gibt es irgendjemand, der diesen Schwachsinn wirklich lesen will?“ Ich will auch nicht auf die Fragen antworten, alles ist so sinnlos. "Dein so genannter Freund, da machst du dir auch nur Illusionen und unnötige Hoffnungen. Das wird nie was, der liebt dich gar nicht. Schau dich doch an, du alte Fregatte, wer will dich schon lieben?“  Ich ziehe mir die Decke über den Kopf, das Tageslicht tut meinen Augen weh. "So alt, so blöd, so hässlich, so dumm!“ 

Ich will es nicht hören, ich halte es nicht mehr aus! Ich will schlafen, nichts mehr hören, nichts sehen. Tränen stürzen aus brennenden Augen, ich fühle mich so hilflos. Etwas umklammert mein Herz. Es wird immer enger, ich kann nicht mehr atmen. Es zieht mich nach hinten, als will die Wand mich verschlingen. Rückzug, nur weg aus dieser Welt, die mich nicht will. Die ich nicht mehr will. 

Ich träume von einem Sumpf. Es stinkt nach Moder, nach Fäulnis. " du brauchst dich nur fallen lassen, dann ist alles vorbei“. Ich bin so müde.

"Lass dich fallen, es vermisst dich ohnehin keiner“. Ich bin wirklich müde. "Lass dich endlich fallen, es wartet doch niemand auf dich, du bist alleine.“

Das Telefon läutet. Lasst mich in Ruhe, ich will niemanden sehen, ich will nicht sprechen, ich will vergessen. Die Türglocke läutet. Ich lasse sie läuten, es wird schon aufhören. Ich bin nicht da. Ich will nicht da sein. Es klopft heftig an die Terrassentür, jemand ruft einen Namen. Was für einen Namen? Ich kenne niemanden, der so heißt. Ich bin ein Niemand. 

Es hört auf zu läuten und zu klopfen. Totenstille. Nur das  Wispern in meinem Kopf. Ich sitze auf meinem Bett, die Arme um die Knie geschlungen. Ich wiege mich hin und her, hin und her, hin und her. Zeit verrinnt, ist nicht mehr da, geht einfach dahin. Keine Welt, kein Schmerz, kein Leben, keine Hoffung. Nichts mehr.

 

 

Hexenzauber 

 

Meine Freundin Tina sagt, ich sei eine Hexe. Stimmt doch gar nicht, nur ein kleines bisschen, da ich halt gerne mal ein wenig herumzaubere. Und wenn, dann bin ich eine liebe und nette Hexe, ich habe noch niemals, nein, wirklich niemals, jemandem etwas Schlechtes angezaubert. Na klar, es ist auch schon mal was in die Hosen gegangen, das lag sicher daran, dass ich die falschen Kerzen oder falsche Zutaten benutzt habe. Kann ja mal passieren, es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Eine Hexe auch noch nicht, dafür haben wir schließlich unsere Besen. 

Kürzlich ist mein Herzallerliebster mit seiner überaus netten Gattin für eine Woche nach Paris gefahren. Sein Wohl liegt mir natürlich sehr am Herzen, das der Gattin  etwas süd-östlicher. Selbstverständlich habe ich gut für ihn gesorgt und einen kleinen Wetterzauber gemacht, schließlich soll es ihm ja nicht schlecht gehen auf seiner Reise, nicht wahr? 

Ich habe lange überlegt, was ich ihm denn so zaubern könnte. Es ist April, das Wetter hat sicher so manche Kapriolen auf dem Programm. Ich gehe auf Nummer sicher und wünsche ihm, dass es auf keinen Fall schneien soll. Das ist doch wirklich nett von mir, oder nicht? 

Tag der Abreise: Wetter durchwachsen, mal Sonne, mal Regen. Der Zauber funktioniert, es schneit nicht! 

Zweiter bis vierter Tag: ich schau mir den Wetterbericht im Internet an.

Wolkenbruchartige Regenfälle über Paris. Muss schon sehr unangenehm sein, Stadtbesichtigung bei strömendem Nass, aber immerhin, schneien tut es nicht! 

Fünfter Tag: nur leichte Regenfälle in Paris, dafür stürmisch. So ein Mist, jetzt kann er noch nicht mal seinen Schirm nehmen. So ein Pech aber auch! Trotzdem, der Zauber wirkt, es hat noch immer nicht geschneit. An diesem Tag hat die nette Gattin auch noch Geburtstag. Ich sitze mit ein paar Freundinnen beim Italiener und wir schicken ein paar Prösterchen nach Paris. Beim dritten Prost-Ramazotti habe ich mich elend verschluckt, anscheinend sind die guten Wünsche irgendwie nicht richtig angekommen. 

Sechster bis siebter Tag: Wolkenbruchartige Regenfälle mit kleinen, eingelagerten Gewitterchen. Na, das ist doch eine Freude, wieder hat es nicht geschneit! Ich sage zu meiner Kollegin: Kuck mal, wie schön es regnet“. Ein Blick voller Unverständnis kommt zu mir zurück. Dabei  freue ich mich wirklich, es könnte doch auch ein Schneesturm toben!  

Tag der Heimreise: strahlend blauer Himmel. Wie schön, so eine Busfahrt im Schnee wäre doch sehr unangenehm bei Glatteis und Schneetreiben. Da ist es mir schon lieber, wenn die Sonne scheint, schließlich soll er ja heil und ganz wieder zu mir zurückkommen. 

 Hurra, ich habe es geschafft, es hat an keinem einzigen Tag geschneit! Wie gut, dass ich meinen Liebsten vor der Reise noch daran erinnert habe, dass er auf keinen Fall seinen Schirm vergessen soll. 

Ist hier irgendjemand der Meinung, ich habe was falsch gemacht? Für den nächsten Urlaub im Sommer zaubere ich ihm schönes Wetter, aber nur, wenn er mich mitnimmt. Wenn nicht, probiere ich es noch einmal mit dem Schnee, da bin ich dann wenigstens sicher, dass es funktioniert. 

Ich bin stolz auf mich, ich bin eine tolle Hexe. Nur noch ein wenig Übung, dann habe ich alles im Griff. Falls ihr mich mal braucht, ihr wisst ja, wo ich zu finden bin. Aber denkt dran, ich zaubere nur schöne Dinge!

 

 

 

Ein Tag am Strand 

 

Eigentlich ist es wie früher. Wir beide am Strand. Nach einer schönen Segeltour. Zwei Gläser und eine leere Sektflasche liegen verwaist im Sand. Der Sand noch warm von der Mittagssonne, doch die größte Hitze ist vorbei. Ein kühler Wind streicht über unsere Körper, lässt mich fast ein wenig schaudern.  

Es ist so friedlich. Die Menschenmenge hat sich verzogen, schon über eine Stunde sind wir die Einzigen hier. Ich beobachte die Wellen, die gierig am Sand saugen, ihn aufnehmen, sich zurückziehen, um sich dann mit einem leisen Platschen wieder über den Strand zu ergießen. Immer und immer wieder, das Geräusch ist so beruhigend, es lullt mich ein.   

Seine Hand liegt ruhig in der meinen. Unter Tausenden Händen hätte ich blind die seinen wieder erkannt. Kräftige Hände, die zupacken können. Leichte Schwielen an der Innenseite deuten auf einen Mann, dem keine Arbeit zuviel wird. Und die doch so sanft sein können, die wissend und fordernd stets ihr Ziel erreichen. Finger, die leicht und luftig wie huschende Spinnen über meinen Körper wandern. Ja, ich liebe diese Hände, die mich und meinen Körper kennen wie kein anderer. Kein Schmuck, nur eine schmale, helle Stelle am Ringfinger zeigt, dass er wohl manchmal einen Ring trägt. Meine Finger schlingen sich durch seine und eine Erinnerung schneidet wie ein Messer durch mein Herz. Das Bild von verschlungenen Körpern, verschlungenen Händen. Mein Blick, der im Strahlen seiner grauen Augen versinkt, das leichte Zittern seines Mundes trifft mich mitten ins Herz. Tanzende Seelen, die ineinander und umeinander herum fließen, dieses Bild vergesse ich nie.  

Der leichte Wind spielt mit seinen silberweißen Haaren, eine vorwitzige Strähne fällt ihm ins Gesicht. Schöne Haare, dicht und viel, ein kleiner Wirbel lässt es immer verwuschelt aussehen. Ich weiß noch immer, wie es sich anfühlt, wenn ich mit beiden Händen in diese Pracht hinein gegriffen, seinen Kopf zu mir hinunter gezogen habe, um seine Lippen zu schmecken. 

Herr im Himmel, wie sehr ich diesen Mann liebe. Meine Hände ziehen die Linie der Narbe nach, die sich längs über seine Brust zieht. Er hätte auf sein Herz hören sollen, vieles wäre ihm erspart geblieben. Seine Haut kühlt schon aus, mit beiden Händen versuche ich, ihm lebendige Wärme zurückzugeben. Seine Augen sehen mich immer noch an, sein Blick zeigt etwas Erstauntes, eingefangen wie das letzte Bild einer Kamera. 

Es ist spät, die erste Dunkelheit zieht wie feiner Dunst über das Meer. Die Oktobersonne taucht ins Meer. Die rote Pfütze, in der sein Kopf liegt, wirkt fast schon schwarz. Krähen haben sich am Strand gesammelt, warten mit dunkel glänzenden und wissenden Augen. Worauf warten sie? Tragen sie die Seelen der Toten zurück in die Ewigkeit, sind sie die Wächter über Leben und Tod? 

Ein letztes Mal streiche ich mit meinen Händen über sein Gesicht, das kleine dunkle Loch in der Schläfe stört mich nicht. Die andere Seite, die zerstörte, liegt verborgen im Sand. Nein, Geliebter, du wirst mich nicht verlassen, dieses Mal nicht. Mein ganzes Leben habe ich dir geschenkt, ein Leben angefüllt mit Warten, Hoffen und Lieben. Es ist mein Recht, dir das deine zu nehmen, es ist mein Lohn für viele vergeudete Jahre, für die vielen Tränen, die ich um dich geweint habe. Dein letzter Blick galt mir, dieses Wissen wird mich durch die Zukunft tragen.  

Aus der Entfernung ist ein Martinshorn zu hören, Polizisten rennen über den Strand, direkt auf mich zu. Jemand nimmt die Pistole aus dem Sand, legt mir Handschellen an und eine Decke um den zitternden Körper.

Das letzte, was ich höre, bevor die Autotür hinter mit zufällt, ist das ewige und gleichmäßige Schlagen der Wellen an einem einsamen Strand.